Demokratie lernen, leben und gestalten – Demokratiebildung nachhaltig und verbindlich in allen Schulen Baden-Württembergs verankern


Weiterleitung: An SPD-Landtagsfraktion und SPD-Landesparteitag

 Demokratie leben statt lehren

 Demokratie erscheint vielen von uns als selbstverständlich – so selbstverständlich,
 dass wir oft erst dann erkennen, wie verletzlich sie ist, wenn sie unter Druck gerät.
 Demokratiefeindliche Tendenzen, wachsende Politikverdrossenheit und das Erstarken
 antidemokratischer Strömungen stellen unsere Demokratie in Deutschland zunehmend vor
 große Herausforderungen.

 Demokratie ist kein Zustand, den man erreicht und verwaltet – sie ist eine lebendige
 Praxis, eine Haltung, die täglich neu gelernt, gelebt und verteidigt werden muss. Der
 Soziologe Oskar Negt bringt es auf den Punkt: „Demokratie ist die einzige Staatsform,
 die gelernt werden muss.“ Sie ist mehr als Wissen – sie ist ein Erfahrungsraum, der
 Menschen zum Mitdenken, Mitfühlen und Mitgestalten befähigt. Schulen übernehmen dabei
 eine Schlüsselrolle: Sie sind zentrale Orte politisch-gesellschaftlicher
 Sozialisation, an denen Kinder und Jugendliche nicht nur politisches Wissen erwerben,
 sondern demokratische Werte, Verhaltensweisen und institutionalisierte Formen von
 Mitbestimmung und Zusammenleben erleben. Ob junge Menschen Demokratie leben,
 verteidigen und weiterentwickeln, hängt maßgeblich von dieser Bildungserfahrung ab.

 Zwar hat das Kultusministerium in Baden-Württemberg mit dem Demokratieleitfaden von
 2019 wichtige Impulse gesetzt, ebenso wie die Empfehlung der Kultusministerkonferenz
 (KMK) zur Demokratiebildung in der Schule (2018). Beide sind jedoch nicht
 verbindlich, setzen keine Mindeststandards und enthalten keine systematischen
 Vorgaben zur Umsetzung in Fachcurricula, zur Aus- und Fortbildung von Lehrkräften
 oder zur schulischen Strukturentwicklung. Die Umsetzung bleibt weitgehend von den
 einzelnen Schulen und dem Engagement Einzelner abhängig. Das reicht nicht aus, um dem
 gesellschaftlichen Ernst der Lage gerecht zu werden.

 Demokratiebildung: Zwei Wege, ein Anspruch

 Im bildungspolitischen Diskurs werden politische Bildung und Demokratiepädagogik
 häufig synonym verwendet oder unscharf voneinander abgegrenzt. Für die Zielsetzung
 dieses Antrags ist jedoch eine differenzierte Betrachtung unerlässlich.

 Politische Bildung zielt vorrangig auf die Vermittlung von Wissen über politische
 Strukturen, Institutionen, Prozesse und systematische Zusammenhänge. Sie trainiert
 die Analyse-, Urteils- und Handlungsfähigkeit im politischen Raum und ist an den
 Fachunterricht im Fach Gemeinschaftskunde gebunden.

 Demokratiepädagogik hingegen verfolgt einen erzieherischen, erfahrungsbasierten
 Ansatz. Sie zielt darauf, demokratische Haltungen und Kompetenzen wie Mitbestimmung,
 Verantwortung, Perspektivübernahme, Konfliktfähigkeit und Partizipation im Alltag zu
 fördern. Im Zentrum steht das Prinzip der gelebten Demokratie: Lernende sollen
 Demokratie nicht nur verstehen, sondern konkret erfahren, üben und mitgestalten
 können.

 In diesem Antrag wird Demokratiebildung als übergeordneter Dachbegriff verstanden,
 der politische Bildung und Demokratiepädagogik vereint und als Querschnittsaufgabe
 umzusetzen ist. Der Fokus liegt bewusst auf der Demokratiepädagogik, da zentrale
 Kompetenzen wie Mitbestimmung, Perspektivübernahme und Verantwortung nicht allein im
 Fachunterricht vermittelt werden können. Demokratische Prinzipien müssen im gesamten
 Schulleben verankert und erfahrbar sein – im Unterricht, in der Schulkultur, in
 Entscheidungsprozessen, im sozialen Miteinander und in der Zusammenarbeit mit Eltern
 sowie außerschulischen Partner:innen. Nur so kann Demokratiepädagogik ihr Potenzial
 für eine nachhaltige demokratische Schulentwicklung entfalten.

 Realitätscheck: Wie es um die Demokratiebildung an Schulen steht

 Ein Blick auf aktuelle empirische Befunde zeigen ein ambivalentes Bild: Laut der
 Shell-Jugendstudie 2024 geben 50% der Jugendliche an, politisch interessiert zu sein
 – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2002. Erkenntnisse aus der ICCS-Studie 2022 zeigen
 zudem, dass ein Großteil der der Schüler:innen Demokratie grundsätzlich befürworten –
 etwa 80% sehen sie als beste Regierungsform. Gleichzeitig sinkt jedoch das Vertrauen
 in demokratische Institutionen
. Nur noch zwei Drittel der Jugendlichen vertrauen dem
 Bundestag und lediglich die Hälfte den politischen Parteien. Auch regionale
 Unterschiede 
sind in der Demokratiezufriedenheit zu erkennen. Während sie in
 Westdeutschland stabil bei 77% liegt, ist sie im Osten auf 60% gesunken. Sorgen
 bereitet auch der Anstieg rechter Einstellungen, insbesondere unter männlichen
 Jugendlichen: Jeder vierte bezeichnet sich selbst als „eher rechts“ oder „rechts“.

 Auch im Unterricht wird Demokratie nicht durchgehend als gelebte Praxis erfahrbar.
 Zwar berichten viele Schüler:innen, dass Lehrkräfte unterschiedliche Perspektiven
 
thematisieren, doch ein erheblicher Teil gibt an, selten oder nie aktiv zur
 
Auseinandersetzung mit kontroversen Positionen angeregt zu werden (ICCS-Studie 2022).
 Zudem ist die tatsächliche Mitbestimmung im Schulalltag stark vom Alter und Schultyp
 abhängig
, wie die Studie Children’s Worlds+ 2019 belegt. Während Grundschüler:innen
 vergleichsweise hohe Mitbestimmungswerte angeben, sinken diese mit zunehmendem Alter,
 insbesondere an weiterführenden Schulen. Am niedrigsten ist das Mitbestimmungserleben
 bei Gymnasiast:innen. Beim politischen Fachwissen ziegen sich ebenfalls große
 Disparitäten: Die ICCS-Ergebnisse aus NRW und Schleswig-Holstein deuten darauf hin,
 dass politische Kompetenzen in Deutschland stark von Herkunft, Schulform und
 Migrationsgeschichte abhängig
 sind. Die Panelstudie „Demokratie Leben Lernen“ belegt
 bereits im Grundschulalter große Unterschiede im Demokratieverständnis. 22 % der
 Kinder hatten demnach noch nie etwas von Demokratie gehört. Auch im Bereich
 des historischen Wissens gibt es erhebliche Lücken. Der HiTCH-Kompetenztest in
 Schleswig-Holstein zeigt, dass 21 % der Gymnasiast:innen und 61 % der Schüler:innen
 an Gemeinschaftsschulen die Mindeststandards nicht erreichen. Eine qualitative
 Grundschulstudie von 2023 weist zudem auf heterogene und teils gefährlich verzerrte
 Vorstellungen zum Nationalsozialismus hin. Die SINUS-Jugendstudie (2016) macht
 deutlich, dass sich historisches Wissen häufig auf den Nationalsozialismus
 beschränkt, zugleich schätzen Jugendliche historische Themen jedoch als bedeutend
 ein.

 Diese Befunde zeigen, dass Demokratiebildung in Deutschland bislang weder
 flächendeckend noch systematisch verankert ist. Sie ist zu stark abhängig von
 Einzelfaktoren wie Schulform, Lehrperson oder sozialem Umfeld. Vor allem
 demokratiepädagogische Formate, die über reines Fachwissen hinausgehen und aktive
 Beteiligung ermöglichen, sind noch unzureichend in Schule und Unterricht integriert.
 Genau hier setzt dieser Antrag an.

 Unsere Forderungen

 Wir fordern die Landesregierung Baden-Württembergs auf, gemeinsam mit der
 Landeszentrale für politische Bildung (LpB) und dem Zentrum für Schulqualität und
 Lehrerbildung (ZSL) konkrete und verbindliche Maßnahmen zur nachhaltigen Integration
 von Demokratiepädagogik in allen Schulen umzusetzen. Diese Maßnahmen orientieren sich
 an den vier Handlungsfeldern der Demokratiebildung im baden-württembergischen
 Leitfaden:

  1.  Demokratische Schulkultur entwickeln: Demokratieprofil & Methodencurriculum
     verpflichtend verankern
  2.  Demokratiepädagogik im Fachunterricht verankern: Kerncurricula überarbeiten
  3.  Fächerübergreifende und -verbinde Demokratiebildung sicherstellen:
     Demokratiebeauftragte an jeder Schule etablieren
  4.  Demokratiepädagogik in Aus- und Fortbildung verankern

 Um eine lebendige demokratische Schulkultur zu fördern, soll an jeder Schule eine
 verbindliches Demokratieprofil entwickelt werden. Dieses Profil verankert
 Partizipation, Toleranz, Vielfalt und Menschenrechte als zentrale handlungsleitende
 Prinzipien und schafft eine klare Orientierung für das gesamte Schulleben. Ergänzend
 dazu sollen die Schulen ebenfalls ein Methodencurriculum zur Demokratiepädagogik
 erstellen, in dem demokratische Arbeits- und Kommunikationsformen wie
 Diskussionsformate, Konsensverfahren und Gruppenentscheidungen verbindlich verankert
 sind. Um die Qualität und Verbindlichkeit dieser Maßnahmen sicherzustellen,
 erarbeitet das Kultusministerium gemeinsam mit Wissenschaft, Praxis und relevanten
 Verbänden landesweite Mindeststandards für demokratische Schulkultur, die von allen
 Schulen verbindlich erfüllt werden müssen. So wird Demokratiebildung systematisch und
 nachhaltig im Schulalltag verankert. Diese verpflichtende Maßnahme ist notwendig,
 weil Demokratiebildung bisher oft nur projektartig und temporär umgesetzt wird.

 Um Demokratiepädagogik nachhaltig im Fachunterricht zu verankern, werden die
 Kerncurricula aller Fächer überarbeitet und demokratiepädagogische Kompetenzziele wie
 Urteilskompetenz, Beteiligungsfähigkeit und Perspektivübernahme als verbindliche
 Bestandteile aufgenommen. In jedem Fachlehrplan soll mindestens ein verbindlicher
 Kompetenzbereich zur Demokratiebildung mit klar definierten, messbaren Standards

 verankert werden, um die Entwicklung dieser Fähigkeiten gezielt zu fördern. Dabei
 wird das Prinzip der Kontroversität, wie es im Beutelsbacher Konsens festgeschrieben
 ist, fächerübergreifend implementiert, um Schüler:innen eine reflektierte
 Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen zu ermöglichen. Durch die
 Integration demokratischer Lernziele nicht nur in Politik oder Geschichte, sondern
 auch in Fächern wie Mathematik, Biologie oder Kunst, wird Demokratiebildung im
 gesamten Schulalltag sichtbar und verbindlich. So wird sichergestellt, dass
 demokratische Kompetenzen in vielfältigen Kontexten erworben und gestärkt werden, was
 eine ganzheitliche demokratische Bildung ermöglicht.

 An jeder Schule soll eine ausgebildete Fachkraft für Demokratiebildung benannt
 werden, die mit einem verbindlichen Stundenbudget ausgestattet ist, vergleichbar mit
 den Beauftragten für Digitalisierung oder Suchtprävention. Diese Fachkraft übernimmt
 die zentrale Koordination demokratiepädagogischer Prozesse, organisiert
 Beteiligungsformate, fördert die politische Bildung im gesamten Schulleben und berät
 das Kollegium bei der Umsetzung demokratischer Inhalte im Unterricht. Die Einführung
 dieser Position ist essenziell, denn Verantwortlichkeit schafft Verbindlichkeit: Nur
 durch eine klar benannte und personell ausgestattete Fachkraft kann Demokratiebildung
 systematisch und nachhaltig verankert werden. Zudem fungiert die
 Demokratiebeauftragte als wichtige Schnittstelle zwischen Unterricht, Schulleitung,
 Schülervertretung und außerschulischen Partnern
 und stellt so sicher, dass
 demokratische Prozesse schulweit vernetzt und wirkungsvoll umgesetzt werden.

 Um Demokratiebildung dauerhaft und wirkungsvoll in Schulen zu verankern, muss die
 demokratiepädagogische Professionalisierung des Lehrpersonals deutlich gestärkt
 werden. Deshalb wird in der ersten Phase der Lehrkräftebildung ein verpflichtendes
 Modul „Demokratiepädagogik“ 
eingeführt, das sowohl fachlich-theoretische als auch
 praxisorientierte Inhalte vermittelt. Im Referendariat sowie im weiteren Berufsleben
 sind verpflichtende Fortbildungsformate mit einem Fortbildungsnachweis alle 5 Jahre
 zur Demokratiepädagogik vorgesehen, die langfristig strukturell verankert werden.
 Diese Maßnahmen sind dringend notwendig, denn bisher liegt der Fokus der
 Lehramtsausbildung vor allem auf Unterrichtsgestaltung und Diagnostik, während
 demokratiepädagogische Kompetenzen häufig zu kurz kommen. Ohne eine breite und
 professionelle Qualifizierung des Kollegiums bleibt Demokratiebildung punktuell und
 unzureichend. Verbindliche Standards und kontinuierliche Weiterbildung sorgen dafür,
 dass alle Lehrkräfte befähigt werden, demokratische Prozesse im Schulalltag kompetent
 zu begleiten und aktiv mitzugestalten. Nur so kann Demokratiebildung als
 ganzheitlicher, selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung etabliert
 werden.

 Jetzt handeln: Demokratiepädagogik institutionalisieren

 Demokratie bleibt für viele Schüler:innen abstrakt – und darin liegt die Gefahr. Wer
 Demokratie nicht erlebt, kann sie nur schwer schätzen, verteidigen oder aktiv
 mitgestalten. Demokratie muss erfahrbar sein, um wirksam gelernt werden zu
 können. Nur durch unmittelbare Erfahrungen im schulischen Alltag wird Demokratie als
 wertvolle Grundlage der Gesellschaft erkannt und verinnerlicht.

 Deshalb ist ein grundlegender Paradigmenwechsel erforderlich: Demokratiepädagogik
 darf nicht länger vom Engagement Einzelner abhängen, sondern muss zur verbindlichen
 Querschnittsaufgabe aller Schulen werden. Es reicht nicht, Demokratie als Randthema
 im Lehrplan zu behandeln – sie muss strukturell verankert und dauerhaft im
 Schulalltag wie in der Schulkultur gelebt werden. Demokratiebildung braucht
 Strukturen. Demokratiepädagogik braucht Verbindlichkeit. Die Schule braucht
 Demokratie als Haltung und Praxis. Denn nur so kann eine Generation heranwachsen, die
 Demokratie nicht nur versteht, sondern aktiv mitgestaltet und verteidigt.

Begründung

erfolgt mündlich