KLASSENKAMPF – gesellschaftliche Debatten jungsozialistisch denken

Antragsteller*innen: KV Heidelberg, KV Freiburg, KV Stuttgart

 Zur Weiterleitung an: SPD-Landesparteitag, SPD-Landtagsfraktion, SPD-Bundesparteitag,
 SPD-Bundestagsfraktion, Juso-Bundeskongress

 Unsere Gesellschaft erlebt eine gefährliche Verschiebung: Öffentliche Debatten rücken
 zunehmend nach rechts, während zentrale Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und
 Solidarität aus dem gesellschaftlichen Diskurs gedrängt werden. Der Ruf nach sozialer
 Politik – nach bezahlbarem Wohnen, guten Löhnen, starker öffentlicher Daseinsvorsorge
 und echter Teilhabe – wird immer leiser, weil ein rechter Zeitgeist die Bühne
 dominiert: mit Ausgrenzung, Angst und autoritären Antworten auf soziale Krisen.

 Dabei sind es genau diese sozialen Fragen, die für die Mehrheit der Menschen
 entscheidend sind. Doch in einer Zeit, in der neoliberale und rechte Narrative den
 Ton angeben, ist vielen nicht mehr klar, was sie eigentlich brauchen: eine Politik,
 die ihre realen Lebenslagen in den Mittelpunkt stellt – und nicht die Interessen von
 Kapital und Konzernen.

 Als Jungsozialist*innen sagen wir: Wir dürfen die Deutungshoheit nicht kampflos
 aufgeben. Es reicht nicht, auf soziale Missstände hinzuweisen – wir müssen den
 politischen Raum aktiv zurückerobern. Unsere Aufgabe ist es, soziale Politik wieder
 zum Kern öffentlicher Debatten zu machen. Dafür braucht es eine klare sozialistische
 Perspektive, die den Mut hat, Klassen, Machtverhältnisse und Verteilungsgerechtigkeit
 ins Zentrum zu rücken.

 Wir wollen die gesellschaftliche Debatte wieder nach links verschieben – nicht nur,
 um Missstände zu benennen, sondern um konkrete Alternativen aufzuzeigen und die
 Menschen daran zu erinnern, dass eine gerechtere Gesellschaft möglich ist. Denn wer
 nicht weiß, was er braucht, wird kaum erkennen, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

 Den Diskurs nach links verschieben, heißt bei uns selbst anfangen

 Die SPD muss sich selbstkritisch mit ihrer Rolle im gegenwärtigen gesellschaftlichen
 Diskurs auseinandersetzen. In einer Zeit, in der rechte Narrative immer stärker den
 Ton angeben, darf unsere Partei sich nicht sprachlich oder inhaltlich an diese
 verschieben – weder aus taktischem Kalkül noch aus Angst vor Popularitätsverlust. Wer
 soziale Politik machen will, muss auch so sprechen: klar, menschenzentriert und
 solidarisch. Wir dürfen keine Begriffe übernehmen, die ausgrenzen oder
 stigmatisieren, sondern müssen eine Sprache finden, die verbindet, aufklärt und
 Hoffnung gibt. Denn nur so erreichen wir jene, für die wir Politik machen wollen –
 und die unsere Solidarität am dringendsten brauchen. Es reicht nicht, sich zu
 sozialen Werten zu bekennen, wenn unsere Sprache und unser Handeln diese Werte nicht
 widerspiegeln. Wenn wir den gesellschaftlichen Diskurs nach links verschieben wollen,
 dann müssen wir damit in der eigenen Partei anfangen: mit einer Haltung, die sich
 nicht an Umfragen, sondern an Gerechtigkeit orientiert – und mit einer Sprache, die
 nicht nach rechts blinzelt, sondern Menschen wieder das Gefühl gibt, gesehen und
 gemeint zu sein.

 Springer enteignen – für eine demokratische Öffentlichkeit ohne Angst und Hetze

 Wer die öffentliche Meinung kontrolliert, kontrolliert auch politische
 Machtverhältnisse. Der Axel-Springer-Konzern steht exemplarisch für eine
 Medienlandschaft, die nicht im Dienst der Demokratie, sondern im Dienst der
 Besitzenden agiert. Mit einer publizistischen Linie, die systematisch gegen
 marginalisierte Gruppen hetzt, rechte Narrative salonfähig macht und soziale
 Bewegungen diffamiert, trägt Springer aktiv zur Spaltung der Gesellschaft bei.
 Während Millionen Menschen unter Armut, Ausbeutung und Unsicherheit leiden, werden
 ihre Perspektiven in Springermedien entwertet, lächerlich gemacht oder unsichtbar
 gehalten.

 Pressefreiheit darf nicht als Deckmantel für Meinungsmacht verstanden werden, die
 sich dem Gemeinwohl entzieht. Wenn ein Konzern wie Springer mit geballter
 publizistischer Macht gesellschaftliche Realitäten verzerrt, Angst vor Solidarität
 schürt und den rechten Rand normalisiert, dann ist das kein Ausdruck von
 Meinungsvielfalt, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Artikel 15 des
 Grundgesetzes erlaubt die Vergesellschaftung von Eigentum, wenn es dem Allgemeinwohl
 dient – und genau das ist hier der Fall: Medien müssen demokratisiert werden, damit
 sie wieder Räume für Aufklärung, Solidarität und Widerspruch schaffen können.

 Die Vergesellschaftung von Springer ist kein Angriff auf die Pressefreiheit – sie ist
 ihre Verteidigung gegen marktgetriebene Manipulation. Wir fordern: Medienmacht raus
 aus den Händen Weniger. Für eine Öffentlichkeit, die nicht verkauft wird – sondern
 allen gehört.

 Keine sozialen Pflichtjahre – gegen Populismus und für echte Solidarität 

 Der demographische Wandel hat einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Diskurs
 entfacht, der zunehmend in einen Generationenkonflikt mündet. Vor allem junge
 Menschen sehen sich immer häufiger mit dem Vorwurf konfrontiert, faul zu sein, nicht
 genug zu leisten und sich nicht für das Gemeinwohl aufzuopfern. Dieser Mythos ist
 zwar längst widerlegt, hält sich jedoch hartnäckig und beeinflusst politische
 Debatten und öffentliche Meinung gleichermaßen. Besonders in Diskussionen über
 moderne Arbeitsmodelle wie die 4-Tage-Woche, verkürzte Arbeitszeiten oder flexibles
 Arbeiten im Homeoffice wird dieser Vorwurf wiederholt aufgegriffen – als
 vermeintlicher Beweis für eine „bequem gewordene“ junge Generation.

 Dabei ignoriert diese Darstellung die Lebensrealität junger Menschen in unserer
 Gesellschaft. Der Vorwurf der Faulheit ist nicht nur unbegründet, sondern blendet
 zentrale strukturelle Faktoren aus, die die Perspektiven und Entscheidungen junger
 Menschen heute maßgeblich prägen. Viele starten ins Berufsleben mit einer düsteren
 Aussicht: eine Klimakrise, ein Bildungssystem, das gegenüber militärischen Ausgaben
 zunehmend zurücksteht, und ein Wohnungsmarkt, der ohne geerbtes Kapital kaum Hoffnung
 auf Eigentum lässt. Unter solchen Bedingungen ist es kein Zeichen von Bequemlichkeit,
 sondern von gesundem Menschenverstand, Prioritäten auf mentale Gesundheit und
 Lebensqualität zu setzen – gerade in einer Welt, in der Überarbeitung oft mit
 Ausbrennen bezahlt wird. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit hinsichtlich der
 eigenen Zukunft im Alter: Das Rentensystem steht auf wackligen Beinen, während die
 Lebenserwartung sinkt und politische Stimmen immer lauter nach einem höheren
 Renteneintrittsalter rufen. Für viele junge Menschen bedeutet das, dass ein
 würdevolles Leben im Alter zur Illusion zu werden droht.

 Inmitten dieser Krisen wird immer wieder die Einführung eines allgemeinen sozialen
 Pflichtjahres gefordert. Doch diese wiederkehrende Debatte ist kein Ausdruck von
 gesellschaftlichem Zusammenhalt – sie ist ein populistisches Ablenkungsmanöver, das
 strukturelle Probleme individualisiert. Junge Menschen werden hier zu Sündenböcken
 einer überforderten und unterfinanzierten Sozial- und Pflegeinfrastruktur gemacht.
 Unter dem Deckmantel von „Pflicht“ und „Dienst an der Gesellschaft“ wird eine ganze
 Generation in eine staatlich verordnete Zwangsrolle gedrängt, die weder
 emanzipatorisch noch solidarisch ist.

 Diese Debatte spielt mit autoritären Fantasien und bedient eine gefährliche Spaltung:
 Sie teilt die Gesellschaft in „Leistende“ und „Nicht-Leistende“ – häufig mit dem
 unausgesprochenen Unterton, dass jene, die weniger besitzen, sich umso mehr beweisen
 müssten. Was als „Beitrag zur Gesellschaft“ verkauft wird, trifft letztlich vor allem
 jene, die sich keinen Ausweg leisten können: Wer früh Verantwortung übernehmen muss
 oder finanziell auf eigene Arbeit angewiesen ist, wird in ein Jahr Pflichtarbeit
 gezwungen – während andere sich durch finanzielle Ressourcen freikaufen oder
 ausweichen können. Das ist keine Solidarität – das ist Klassenpolitik von oben.

 Wir Jusos sagen deshalb klar: Solidarität darf niemals Befehl oder Zwang sein – sie
 muss freiwillig entschieden werden. Statt autoritäre Pflichtmodelle zu fordern,
 braucht es echte Alternativen:

 Freiwillige soziale Dienste für junge Menschen, die gut bezahlt, professionell
 begleitet und gesellschaftlich anerkannt sind. Denn ein echter gesellschaftlicher
 Zusammenhalt entsteht nicht durch Druck, sondern durch Respekt und Vertrauen – und
 durch eine Politik, die jungen Menschen Perspektiven statt Pflichten bietet. 

 Wir fordern deshalb ebenfalls, dass die Care-Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten und
 freiwillige Arbeit gesellschaftlich so umverteilt wird, dass es den Lebensrealitäten
 aller gerecht wird.

 Davon profitiert nicht nur jede*r einzelne von uns, sondern wir alle als
 Gemeinschaft: 

 Die Berücksichtigung der älteren Generation bei der Frage des Ehrenamts spielt dabei
 eine entscheidende Rolle. Menschen im Ruhestand verfügen über wertvolle Erfahrungen,
 Kompetenzen und Zeitressourcen, die für das Gemeinwohl von unschätzbarem Wert sind.

 Jährlich treten etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland in den Ruhestand – dennoch
 engagieren sich derzeit lediglich rund 500 Personen über 65 Jahre im
 Bundesfreiwilligendienst (BFD). Diese Diskrepanz zeigt deutlich, wie groß das
 ungenutzte Potenzial in dieser Altersgruppe ist. 

 Wir erkennen die geleistete Arbeit der Rentner*innen an und verteidigen den
 wohlverdienten Austritt aus der Erwerbsarbeit. Diese Privilegien wurden hart erkämpft
 und sind feste Bestandteile der Werte der sozialen Demokratie. Gleichzeitig wollen
 wir Senior*innen ermutigen, sich auch nach dem Erwerbsleben gesellschaftlich
 einzubringen – auf freiwilliger Basis, in selbst gewählten Projekten und unter fairen
 Bedingungen.

 Wir fordern daher die Einführung eines freiwilligen sozialen Jahres für Senior*innen
 (FSJ 60+), das ehrenamtliches Engagement im Alter fördert und gesellschaftlich
 sichtbar macht.

 Außerdem eine Weiterentwicklung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) für Menschen
 über 65 Jahre, der: flexible Einsatzzeiten unter 20 Stunden pro Woche ermöglicht,
 eine variable Mindestdauer zulässt, Taschengeld und Sachleistungen wie Unterkunft und
 Verpflegung nicht mehr auf die Rente anrechnet und durch ein verständliches,
 niedrigschwelliges Informationsangebot für Senior*innen beworben wird.

 Ein FSJ oder BFD im Alter bietet Menschen die Möglichkeit, sich frei vom Druck
 kapitalistischer Erwerbsarbeit neu zu entfalten und einen sinnstiftenden Beitrag zur
 Gesellschaft zu leisten. Ob in der sozialen Begleitung in Pflegeeinrichtungen, in
 generationenverbindenden Projekten – z. B. in Kitas, Altenheimen, Nachbarschaften
 oder Gemeinschaftseinrichtungen –, in Gemeinschaftsgärten, Schulkantinen, durch
 Nachbarschaftshilfe oder Babysitting: Das Engagement älterer Menschen kann vielfältig
 und wirksam sein.

 Zugleich wird durch solches Engagement Einsamkeit im Alter wirksam vorgebeugt.
 Begegnung, Alltagsstruktur und das Gefühl, gebraucht zu werden, wirken sich
 nachweislich positiv auf die physische und psychische Gesundheit älterer Menschen
 aus. So entsteht eine neue Lebensenergie, die nicht nur der Einzelnen oder dem
 Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft zugutekommt.

 Diese Konzepte sind ein konkreter und solidarischer Gegenentwurf zur Debatte um ein
 verpflichtendes soziales Jahr, das junge Menschen bevormundet und soziale
 Verantwortung individualisiert. Stattdessen setzen wir auf echte Beteiligung,
 gerechte Verteilung von Care-Arbeit und die Stärkung eines freiwilligen Engagements
 über alle Generationen hinweg. Denn: Eine solidarische Gesellschaft entsteht nicht
 durch Zwang, sondern durch Respekt, Freiwilligkeit und gegenseitige Anerkennung.

 Weg mit dem Verwertungszwang – für eine Gesellschaft, die das gute Leben möglich
 macht

 In einer Gesellschaft, in der sich alles dem Diktat von Marktlogik, Effizienz und
 Konkurrenz unterordnet, bleibt das Wesentliche oft auf der Strecke: das gute Leben.
 Politische Debatten werden dominiert von Wachstumszahlen, Wettbewerbsfähigkeit und
 betriebswirtschaftlichen Kennziffern – doch kaum jemand fragt: Wie geht es den
 Menschen eigentlich? Was brauchen wir wirklich, um zufrieden, gesund und verbunden zu
 leben? Die ständige ökonomische Optimierung des Einzelnen führt zu Erschöpfung,
 sozialer Kälte und einer Entfremdung, die ganze Generationen prägt.

 Wir setzen dem eine andere Vorstellung von Gesellschaft entgegen – eine, die den
 Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht seine Verwertbarkeit. Eine Gesellschaft, in
 der psychische Gesundheit, freie Zeit, sichere Lebensverhältnisse und kulturelle
 Teilhabe keine Luxusgüter sind, sondern grundlegende Rechte. Wir wollen politische
 Debatten nicht länger entlang von Standortfragen führen, sondern entlang der Frage:
 Was macht ein gutes Leben für alle aus?

 Es ist Zeit, eine neue gesellschaftliche Vision zu entwickeln – eine, die Lust auf
 Zukunft macht. Eine Gesellschaft, in der Solidarität mehr zählt als Profit, und in
 der niemand seinen Wert erst beweisen muss. Lebensqualität bemisst sich nicht am
 Bruttoinlandsprodukt, sondern an Gerechtigkeit, Mitbestimmung und der Freiheit, ohne
 Angst leben zu können. Dafür kämpfen wir – nicht als Utopie, sondern als politische
 Notwendigkeit.

 Keine Militarisierung junger Menschen – Bildung statt Rekrutierung, Perspektiven
 statt Zwang

 In einer Zeit wachsender Unsicherheiten und sozialer Ungleichheit wird jungen
 Menschen zunehmend der Weg zur Bundeswehr als vermeintlich stabile Perspektive
 nahegelegt – nicht durch offene Zwangsmaßnahmen, sondern durch subtile Einflussnahme:
 auf Schulhöfen, in Klassenzimmern, auf Jobmessen und in sozialen Netzwerken. Diese
 Praxis ist nicht nur zynisch, sondern hochgefährlich. Denn sie macht
 Perspektivlosigkeit zur Eintrittskarte in den Soldatenberuf und nutzt soziale
 Ungleichheit als Rekrutierungsinstrument. Wer keine Alternativen sieht, soll zum
 Dienst an der Waffe greifen – das ist kein freiwilliger Weg, sondern verdeckter
 Druck.

 Wir stellen uns entschieden gegen diese Form der Militarisierung junger Menschen.
 Schulen sind Orte der Bildung, nicht der Werbung für Kriegseinsätze. Öffentliche
 Einrichtungen dürfen keine Plattform für eine Armee sein, deren Aufgabe es ist,
 Gewalt anzuwenden. Und wer sich gegen einen militärischen Dienst entscheidet, darf
 daraus keine Nachteile erfahren – weder auf dem Arbeitsmarkt noch in der sozialen
 Anerkennung.

 Aus diesen Überlegungen erwachsen für uns selbstverständlich klare
 Forderungen:                                       Die Bundeswehr muss jegliche
 Werbung an Schulen und öffentlichen Einrichtungen unterlassen, denn
 Bildungseinrichtungen dürfen keine Rekrutierungsplattformen für militärische Zwecke
 sein. Ebenso lehnen wir jede Form der Wehrpflicht oder versteckte Pflichtdienste
 entschieden ab. Ein freiwilliger Dienst muss möglich sein, darf aber niemals negative
 Folgen für diejenigen haben, die sich bewusst dagegen entscheiden. Statt
 Militarisierung brauchen junge Menschen echte, zivile Perspektiven, die ihnen Zukunft
 ohne Zwang und Gewalt eröffnen.

 Sozialchauvinismus bekämpfen – für eine solidarische und verbindende Debatte

 Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Arbeitskraft, sondern an seiner Würde,
 Art. 1 Abs. 1 GG. Doch die Realität sieht anders aus: Die Dämonisierung und Abwertung
 von armen, arbeitslosen, behinderten oder migrierten Menschen hält unverändert an.
 Mit abwertender Sprache wie „faule Bürgerinnengeldempfängerinnen“, „bildungsferne
 Schichten“ oder „nicht integrierte Migrantinnen“ wird gezielt gespalten und eine
 Atmosphäre geschaffen, die rechte Hetze befördert und gesellschaftlichen Zusammenhalt
 zerstört.

 Der Sozialchauvinismus hat sich längst in den politischen Mainstream eingeschlichen –
 auch in den Koalitionsvertrag von Union und SPD. 

 Obwohl nach Äußerung des Verfassungsgerichts klar ist, dass jedem Menschen Leistungen
 zur Sicherung des Existenzminimums zustehen müssen, soll das Bürgergeld, das schon in
 der Ampel-Koalition nur ein Schatten seiner ursprünglichen Idee war, nochmals zu
 einer neuen Grundsicherung “reformiert” werden. Natürlich auf Kosten der
 Empfänger*innen. 

 Sanktionen bis auf null werden vom Bundeskanzler offen als notwendig bezeichnet. Die
 Ärmsten der Gesellschaft werden von der Sozialdemokratie fallen gelassen.
 Rechtspopulist*innen spielen Bürgergeldempfänger*innen und die Arbeitnehmerschaft
 bewusst gegeneinander aus. Wo ist er hin, der Klassenkampf? 

 In der vergangenen Bundesregierung bestand die Chance für die deutsche
 Sozialdemokratie, sich ihrer Grundwerte zu erinnern. Ein langer Weg lag nach dem
 Sündenfall der Agenda2010. Doch jetzt ist man Teil einer Regierung geworden, die
 Politik für Reiche macht. Und anstatt nach oben zu schauen und die Milliardäre an
 ihre gesellschaftliche Verantwortung zu erinnern, werden lieber jung und alt,
 Arbeitnehmer*innen und Bürgergeldempfänger*innen und Menschen mit und ohne
 Migrationshintergrund gegeneinander ausgespielt. 

 Diese Spaltung geht den Faschistinnen runter wie Öl – und sie ist politisch bequem.
 Denn wer damit beschäftigt ist, nach links und rechts zu treten, kommt gar nicht auf
 die Idee, nach oben zu schauen. Dabei sitzen Arbeitende und Bürgergeldempfänger*innen
 im selben Boot. Sie sollten keine Gegner, sondern Verbündete sein.

 Der Sozialstaat existiert, damit niemand fällt, wenn Erwerbsarbeit wegbricht – eine
 Situation, in die jede*r geraten kann. Gerade in der Krise zeigt sich, wie wichtig
 Solidarität ist – und wie ernst wir es damit meinen.

 Genau da fehlt eine starke linke SPD! Sie muss dafür einstehen, dass die arbeitende
 Bevölkerung ihren Lebensunterhalt bestreiten kann, ohne neidisch auf die
 Empfänger*innen von Sozialleistungen schauen. 

 Ja, Arbeit muss sich lohnen. Dann liegt die Lösung aber nicht in der Kürzung der
 Sozialleistungen, sondern durch faire Löhne, starke Tarifbindung und gerechte
 Verteilung.

 Ein klares Signal wäre z. B. gewesen, den Mindestlohn von 15 Euro im
 Koalitionsvertrag zu verankern. Doch auch hier hat es die SPD versäumt, ihre eigenen
 Grundwerte zu verteidigen.

 Wir sagen daher: Es ist an der Zeit, sozialchauvinistische Narrative konsequent
 zurückzuweisen – egal, ob sie von rechten Akteur*innen oder vermeintlichen Mitte-
 Vertreter*innen ausgehen. Wir fordern die SPD und ihre Mandatsträgerinnen dazu auf,
 dieser gefährlichen Entwicklung aktiv entgegenzutreten: mit klarer, verbindender
 Sprache, konkreten politischen Maßnahmen gegen soziale Ausgrenzung und einer Haltung
 unerschütterlicher Solidarität gegenüber allen Menschen, die von sozialer
 Ungleichheit betroffen sind. Nur so schaffen wir eine Debatte, die verbindet statt
 spaltet – und eine Gesellschaft, die alle mitnimmt.

 Wir brauchen wieder Klassenkampf! 

Begründung

Erfolgt mündlich.