Mit System zum Systemwechsel: Der Aufbruch in die Bildung von morgen

Antragsteller:innen: Jusos Karlsruhe-Stadt, Jusos Stuttgart, Jusos Esslingen, Jusos
 Freiburg, Jusos Göppingen, Jusos Karlsruhe-Land, Jusos Ortenau

 Weiterleitung an: Landesparteitag, Bundeskongress, Bundesparteitag

 Präambel 

 Wir stehen entschlossen für ein Bildungssystem, das endlich die Bedürfnisse und
 Potenziale aller Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt rückt. Das derzeitige
 System, geprägt von Selektion, Leistungsdruck und Ungleichheit, ist ein Relikt
 vergangener Zeiten, das dringend einer radikalen Erneuerung bedarf. Basierend auf den
 neuesten Erkenntnissen der Pädagogik, Neurowissenschaften und inklusiver Bildung
 fordern wir ein System, das einheitlich, inklusiv und frei von Ausgrenzung ist– ein
 System, in dem alle Kinder vom Kindergarten bis zum Schulabschluss gemeinsam lernen
 und sich individuell entfalten können. Dabei ist der radikale Konstruktivismus unser
 pädagogischer Kompass, denn wir glauben daran, dass jedes Kind als aktiver
 Mitgestalter seiner eigenen Wirklichkeit zu verstehen ist. Ein solches Bildungssystem
 stärkt das Wohlbefinden, die Entwicklung und die Zukunftschancen aller Kinder
 gleichermaßen.

 I. Grundprinzipien und politische Begründungen 

 1. Einheitliche und solidarische Bildungsinstitution

  •  Chancengleichheit statt Selektion: Alle Kinder– unabhängig von Herkunft,
     Geschlecht, sozialem Status oder individuellen Voraussetzungen– sollen gemeinsam
     in einer einzigen Bildungseinrichtung lernen. Zahlreiche Studien belegen, dass
     heterogene Lerngruppen das gegenseitige Verständnis, die Solidarität und die
     soziale Kompetenz fördern.
  •  Gemeinsam statt gegeneinander: Wir stehen für ein System, in dem der Wettbewerb
     und die frühe Leistungsselektion, also die Aufteilung von Schüler:innen in
     unterschiedliche Schulformen oder Leistungsgruppen nach Leistungsnachweisen oder
     Noten, der Vergangenheit angehören. Stattdessen setzen wir auf gemeinsame
     Lernprozesse, die jedes Kind in seiner Einzigartigkeit ernst nehmen und
     fördern. 

 2. Individuelle Förderung und selbstbestimmtes Lernen

  •  Lernen im eigenen Tempo: Angelehnt an moderne Erkenntnisse wie Wygotskys „Zone
     der proximalen Entwicklung“ (Beschreibt den Bereich zwischen dem, was ein
     Lernender selbständig leisten kann, und dem, was er mit Unterstützung anderer,
     z.B. eines Mentors oder Lehrers, erreichen kann.) unterstützen wir ein System,
     in dem Kinder individuell und bedarfsorientiert gefördert werden. Jedes Kind
     soll in seinem eigenen Tempo voranschreiten können– frei von dem Druck, sich an
     starre Leistungsmaßstäbe anpassen zu müssen.
  •  Lernbegleitung statt autoritärer Frontalunterricht: Lehrerinnen und Lehrer
     agieren als engagierte Lernbegleiter*innen, die die individuelle Entwicklung
     unterstützen und nicht als alleinige Wissensvermittler*innen auftreten. So wird
     der Lernprozess demokratischer und partizipativer gestaltet. 

 3. Radikaler Konstruktivismus als Leitbild– Bildung als
 Menschenrecht

  •  Aktive Wissenskonstruktion: Unser Verständnis vom Kind als aktivem,
     selbstbestimmtem Subjekt basiert auf dem radikalen Konstruktivismus.
     Forschungsergebnisse belegen, dass ei genständiges, selbstorganisiertes Lernen
     zu nachhaltigeren Lernerfolgen führt. 
  •  Bildung als Grundlage sozialer Gerechtigkeit: Ein inklusives und partizipatives
     Bildungssystem stärkt nicht nur die kognitive, sondern auch die soziale und
     emotionale Entwicklung. Es ist ein zentraler Baustein für die demokratische
     Mitgestaltung unserer Gesellschaft und ein unverzichtbares Menschenrecht. 

 II. Konkrete Maßnahmen

 1. Umstrukturierung der Bildungseinrichtungen– Schaffung
 integrativer Bildungszentren: 

 Wir fordern den Aufbau multiprofessioneller und inklusiver Lernzentren, in denen
 Kinder aller Altersgruppen und Bildungsniveaus gemeinsam lernen. Multiprofessionell
 bedeutet, dass verschiedene Berufsgruppen (z.B. neben Lehrkräften auch andere
 pädagogische Fachkräfte) direkt an der Schule zusammenarbeiten, um die Kinder
 ganzheitlich zu fördern. Diese Zentren ermöglichen den intergenerationellen Austausch
 und fördern ein Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität. Sie sind als Gegenentwurf
 zum mehrgliedrigen System zu sehen.

 Eine konsequente Abkehr von starren Jahrgangsklassen und festen Klassenstufen schafft
 die Grundlage dafür, dass alle Kinder in jedem Fach und zu jeder Zeit auf ihrem
 individuellen Lernniveau arbeiten können. Durch flexible Lerngruppen und
 altersübergreifendes Lernen wird der Blick auf die Potenziale jedes Kindes gelenkt,
 statt auf dessen vermeintliche Defizite. Gleichzeitig wird so ein reibungsloser
 Übergang zwischen Grundschule und weiterführender Bildung ermöglicht, der bestehende
 Brüche überflüssig macht. Wir setzen uns für eine einheitliche Grundschule bis
 mindestens zur sechsten Klasse ein, um frühe Selektionsmechanismen abzuschaffen und
 allen Kindern eine gemeinsame, stabile Lernzeit zu ermöglichen. Eine spätere
 Differenzierung fördert nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern stärkt auch die
 individuelle Entwicklung und Bildungsgerechtigkeit.

 Flexible und lernförderliche Räume: Offene Lernlandschaften, flexible
 Unterrichtszeiten, digitale Lernplattformen und adaptive Lernumgebungen schaffen die
 Voraussetzungen für selbstbestimmtes und individualisiertes Lernen. Solche Strukturen
 orientieren sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder – nicht an
 bürokratischen Vorgaben oder überholten Zeitstrukturen. Schulen müssen als
 Lebensräume gedacht werden, die Kreativität, Kooperation und eigenständiges Denken
 fördern. Nur so können wir den Herausforderungen der modernen Welt begegnen. 

 Ganztag als Raum für Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung: Ganztagsschulen müssen
 mehr sein als verlängerte Unterrichtszeit. Sie sollen Orte sein, an denen Freizeit,
 Interessen und Bildung zusammenkommen. Hobbys und kreative Angebote sollen aktiv in
 den Schulalltag integriert und Kooperationen mit Vereinen, Kultureinrichtungen und
 zivilgesellschaftlichen Initiativen gefördert werden. Auch ältere Schülerinnen können
 hierbei Verantwortung übernehmen und als Mentor
innen wirken. Ein solcher Ganztag
 stärkt nicht nur die individuelle Entfaltung, sondern auch die soziale Teilhabe und
 den Zusammenhalt. 

 Digitale Bildung darf nicht vom Zufall abhängen. Wir fordern eine feste, pädagogisch
 geschulte IT-Fachkraft an jeder Schule. 

 Flexibler Unterrichtsbeginn für mehr Gesundheit und Konzentration: Die Schule muss
 sich den biologischen Realitäten ihrer Schüler*innen anpassen, nicht umgekehrt. Ein
 flexiblerer Unterrichtsbeginn, der individuelle Biorhythmen berücksichtigt, trägt
 nachweislich zur Konzentrationsfähigkeit, zum Wohlbefinden und zu besseren
 Lernleistungen bei. Chronobiologisch orientierte Schulzeiten sind Ausdruck einer
 menschenfreundlichen und gesundheitsfördernden Bildungsstruktur.

 2. Revolutionierung der Lehramtsausbildung– Neue Perspektiven
 für angehende Lehrkräfte: 

 Die Ausbildung muss sich fundamental verändern. Zukünftige Pädagogen sollen intensiv
 in den Prinzipien des radikalen Konstruktivismus, der inklusiven Didaktik und der
 individualisierten Förderung geschult werden.

 Praxisorientierte und partizipative Ausbildungsformate: Durch praktische Erfahrungen
 in integrativen und heterogenen Lernumgebungen sowie kontinuierliche Fortbildungen
 wird die Lehramtsausbildung zukunftsfähig gemacht. Nur so können wir sicherstellen,
 dass Lehrer*innen als moderne Lernbegleiter*innen agieren und den aktuellen
 gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden. 

 3. Neuausrichtung der Curricula und Evaluation–
 Kompetenzbasierte Lehrpläne: 

 Unsere Lehrpläne sollen nicht nur Faktenwissen vermitteln, sondern vor allem
 Kompetenzen wie kritisches Denken, Problemlösefähigkeit und soziale Verantwortung
 fördern. Diese Kompetenzen sind zentral für ein demokratisches und solidarisches
 Miteinander.

 Individuelle Lernziele und kontinuierliches Feedback: Wir setzen auf ein flexibles
 Evaluationssystem, das den Lernfortschritt jedes Kindes transparent macht. Ein
 evaluatives System bewertet nicht (nur) mit Noten, sondern nutzt
 Lernentwicklungsberichte und Feedbackgespräche. Regelmäßiges, konstruktives Feedback
 ermöglicht es, Lernhindernisse frühzeitig zu erkennen und gezielt zu beseitigen. 

 Alltagskompetenz, Berufsvorbereitung und politische Bildung: Bildung darf sich nicht
 in der Reproduktion von Fachwissen erschöpfen. Wir fordern einen ganzheitlichen
 Bildungsbegriff, der Alltags- und Lebenskompetenzen sowie Berufsorientierung
 konsequent integriert. Finanzielle Bildung, Medienkompetenz, emotionale Intelligenz,
 praktische Lebensführung, sowie frühzeitige Einblicke in Berufswelten müssen fester
 Bestandteil der Bildungsbiografie sein.

 Politische Bildung muss gestärkt statt eingeschränkt werden. Das Neutralitätsgebot
 darf nicht als Maulkorb für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen
 missverstanden werden. Schüler*innen haben ein Recht auf politische Bildung, die zur
 Urteilsfähigkeit, demokratischer Beteiligung und kritischem Denken befähigt –
 parteipolitisch unabhängig, aber nicht unpolitisch.

 4. Partizipation und Mitgestaltung in der Bildungsrevolution–
 Demokratische Bildungsprozesse: 

 Alle Bildungsakteure– Schüler*innen, Eltern, Lehrkräfte und das pädagogische
 Personal– sollen aktiv in die Gestaltung und Weiterentwicklung des Bildungssystems
 eingebunden werden. Nur so kann eine echte Mitbestimmung und ein solidarisches
 Miteinander gelingen.

 Regionale und interdisziplinäre Netzwerke: Durch den intensiven Austausch zwischen
 Bildungsinstitutionen, Wissenschaft und Praxis schaffen wir ein dynamisches Netzwerk,
 das kontinuierlich neue, innovative Ansätze entwickelt und umsetzt. 

 5. Bildungsföderalismus reformieren – Einheitlichkeit statt
 Flickenteppich:

 Ein gerechtes Bildungssystem darf nicht länger vom Wohnort abhängen. Der
 Bildungsföderalismus in seiner jetzigen Form zementiert Ungleichheiten und verhindert
 dringend notwendige Reformen. Langfristig streben wir eine grundlegende
 Neuausrichtung an, bei der bundesweite Mindeststandards für Schulqualität,
 Ausstattung, Lehrpläne und Teilhabe geschaffen werden. Es braucht mehr Koordination,
 Verbindlichkeit und Ressourcen auf Landes- und Bundesebene, damit strukturelle
 Benachteiligung durch regionale Unterschiede überwunden wird.

 6. Pädagogik vor Finanzen – faire und gesicherte
 Bildungsfinanzierung:

 Die Verantwortung für die äußeren Schulangelegenheiten darf nicht länger bei
 überforderten Kommunen liegen. Eine solide Bildungsfinanzierung muss bundes- und
 landesweit gesichert werden. Die aktuelle Struktur führt dazu, dass finanzschwache
 Kommunen Gebäude verfallen lassen oder Personal einsparen müssen – mit direkten
 Konsequenzen für die Qualität der Bildung. Wir fordern ein Finanzierungssystem, das
 Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anerkennt und entsprechend absichert –
 pädagogisch begründet, nicht haushaltsgetrieben. Dafür sollen Bund und Land
 verantwortlich sein.

 III. Schlussfolgerung und Aufruf 

 Wir fordern eine radikale Revolution des deutschen Bildungssystems– ein System, das
 nicht auf Ausgrenzung und Leistungsdruck basiert, sondern auf Solidarität,
 Partizipation und individueller Förderung. Wir stehen für eine Bildung, die jedes
 Kind als aktiven und selbstbestimmten Mitgestalter*in seiner eigenen Zukunft
 anerkennt. Die aktuellen Erkenntnisse der Pädagogik und Neurowissenschaften machen
 unmissverständlich klar: Es ist Zeit, veraltete Strukturen hinter uns zu lassen und
 ein Bildungssystem zu schaffen, das den Anforderungen einer demokratischen,
 inklusiven und gerechten Gesellschaft entspricht. Lasst uns gemeinsam für eine
 Bildungsrevolution kämpfen– für eine Zukunft, in der alle Kinder die gleichen Chancen
 und die Möglichkeit haben, ihr volles Potenzial zu entfalten! Solidarität,
 Gerechtigkeit und Demokratie beginnen im Klassenzimmer!