Schluss mit der Gewalt: Für ein Ende des Krieges in Gaza und eine langfristige Friedensperspektive in Nahost

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 Jusos Bundeskongress, Jusos Bundesvorstand.

 Im Gazastreifen beobachten wir eine humanitäre Katastrophe. Hilfslieferungen werden
 blockiert, humanitäre Korridore geschlossen, die Versorgung mit Wasser, Strom und
 Lebensmitteln systematisch unterbrochen. Städte werden großflächig zerstört. Führende
 Menschenrechtsorganisationen sprechen von gezielter Aushungerung der Zivilbevölkerung
 als Kriegsstrategie und dokumentieren schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht.
 Seit dem Kriegsausbruch sind zehntausende Menschen in Gaza getötet worden, ein
 Großteil davon Frauen und Kinder. Fast alle der zwei Millionenen Palästinenser*innen
 im Gazastreifen mussten wiederholt ihr Zuhause verlassen und fliehen. 90 Prozent der
 zivilen Infrastruktur ist zerstört, viele Menschen haben alles verloren. Der
 Wiederaufbau der Lebensgrundlagen im Gazastreifen wird Schätzungen zufolge selbst im
 optimistischen Szenario bis mindestens 2034 dauern. 

 Der 7. Oktober 2023 markiert eine dramatische Zäsur im Nahost-Konflikt. Der brutale
 Angriff der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung war ein Akt des Terrors. Der
 7. Oktober 2023 markiert den größten Massenmord an Jüdinnen und Juden seit der Shoah.
 Vertreter der Hamas wiederholen bis heute ihr Ziel, Israel auslöschen zu wollen.
 Israel hat das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstverteidigung. Doch was als
 legitime Reaktion begann, hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, das durch nichts mehr
 zu rechtfertigen ist. 

 Diese Eskalation geschieht nicht im luftleeren Raum: Jahrzehntelange Besatzung des
 Westjordanland, systematische Entrechtung der Palästinenser*innen, die anhaltende
 Bedrohung der israelischen Bevölkerung sowie das Scheitern einer Zwei-Staaten-Lösung
 bilden seit Generationen die Grundlage für erneute Eskalationen. Das Ziel muss ein
 Durchbrechen dieser Gewaltspirale sein. 

 Fast zwei Jahre nach Kriegsbeginn wächst der gesellschaftliche Widerstand gegen die
 militärische Eskalation und gegen die rechtsextreme Regierung Netanjahus innerhalb
 Israels. Viele Israelis fordern eine Rückkehr zum Ziel der Befreiung der Geiseln und
 lehnen eine Fortsetzung des Kriegs ab, der immer mehr zivile Opfer fordert und keine
 Perspektive auf Frieden bietet. Die israelische Regierung spricht nicht für die
 gesamte israelische Gesellschaft. In der deutschen Debatte muss dieser Widerspruch
 deutlicher sichtbar gemacht werden. 

 Auch in Deutschland hat der Krieg zu einer gefährlichen gesellschaftlichen
 Polarisierung geführt. Antisemitische und antimuslimische Straftaten nehmen zu. Der
 öffentliche Diskurs ist zunehmend verhärtet, differenzierte Debattenräume schrumpfen,
 Demonstrationen werden kriminalisiert, Betroffene ignoriert. 

 Für uns Jusos ist klar: Der Schutz jüdischen Lebens und der entschlossene Kampf gegen
 Antisemitismus sind nicht verhandelbar. Wir stehen solidarisch an der Seite der
 jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und weltweit und verteidigen ihr Recht auf
 Sicherheit und Selbstbestimmung. Wir verurteilen jede Form von gruppenbezogener
 Menschenfeindlichkeit. Gleichzeitig ist sachliche Kritik an der israelischen
 Regierung legitim und notwendig. Wer jedoch das Existenzrecht Israels infrage stellt
 oder Jüdinnen und Juden kollektiv verantwortlich macht, überschreitet eine rote
 Linie. 

 Für einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand
 Der Krieg muss enden. Wir fordern einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand
 zwischen allen Konfliktparteien. Nur so lässt sich weiteres Leid verhindern, Raum für
 politische Verhandlungen schaffen und die humanitäre Katastrophe eindämmen. Das Ziel,
 die Hamas nachhaltig zu zerschlagen, ist auf diese Art nicht erreichbar. Die
 Handlungen der israelischen Regierungen und die Kriegsführung der IDF zeigen, dass
 für die Regierung die Befreiung der Geiseln nicht das oberste Ziel ist. Stattdessen
 ist es, die von der israelischen Regierung öffentlich zum Ziel erklärte „freiwillige
 Emigration“ aller Palästinenser*innen, die jedoch faktisch nicht freiwillig
 durchführbar ist. Die bereits eingeleitete Errichtung einer von offizieller Seite
 sogenannten „humanitären Stadt“, die einer Ankündigung von Verbrechen gegen die
 Menschlichkeit gleicht, muss enden.

 Weder die Anwesenheit von Hamas Kämpfern noch die Erreichung von Kriegszielen
 rechtfertigt ein derartiges Vorgehen und die damit einhergehende horrende Zahl
 ziviler Opfer unter der palästinensischen Bevölkerung. Wir erwarten von einem
 verbündeten demokratischen Staat, dass der Schutz ziviler Opfer bei jeder
 Entscheidung immer die höchste Priorität besitzt Ein Waffenstillstand ist der erste
 und wichtigste Schritt hin zu einem Ende des Leids. Gleichzeitig zeigen vergangene
 Feuerpausen und lokale Waffenstillstände, dass es internationalen Druck braucht, um
 deren Einhaltung zu kontrollieren und im Zweifel Verstöße zu sanktionieren. Es
 braucht die vollumfängliche Umsetzung aller drei Phasen des vereinbarten
 Waffenstillstands, um weitere zivile Opfer und Zerstörung in der Region zu verhindern
 und die Freilassung aller Geiseln zu ermöglichen. 

 Rüstungsexporte aussetzen
 Die Bundesregierung muss sämtliche Rüstungsexporte nach Israel einer strengen Prüfung
 unterziehen und unverzüglich aussetzen. Seit Beginn des Krieges wurden aus
 Deutschland Ersatzteile, Munition und ganze Waffensysteme, die nachweislich im Krieg
 zum Einsatz kamen, im Wert von fast einer halben Milliarde Euro nach Israel
 geliefert. In Gaza werden Kriegsverbrechen verübt und Deutschland trägt durch seine
 politische und militärische Unterstützung eine Mitverantwortung. 

 Humanitäre Hilfe sofort ermöglichen
 Der uneingeschränkte Zugang für humanitäre Hilfe im gesamten Gazastreifen ist nicht
 verhandelbar. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten und Energie muss
 sichergestellt werden. Deutschland muss seine Beteiligung an der Lieferung von
 Hilfsgütern ausweiten und diplomatischen Druck ausüben, um deren Verteilung
 sicherzustellen. Es muss gewährleistet werden, dass Israel gemäß der am 26. Januar
 und am 28. März 2024 durch den IGH erlassenen einstweiligen Maßnahmen sowie des
 Waffenstillstandsabkommens alle möglichen Maßnahmen zur Herstellung einer
 ausreichenden humanitären Versorgung Gazas implementiert. Die israelische Regierung
 zeigt kein Interesse daran den Menschen in Palästina zu helfen und bereitgestellte
 Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete zuzulassen. Außerdem muss die Realität der
 anhalten Siedlungspolitik anerkannt werden und der israelische Versuch, weitere Teile
 des Gazastreifens zu besetzen und langfristig zu annektieren, klar verurteilt werden.
 Die israelische Regierung zeigt keinen Willen, dafür zu sorgen, dass NGOs langfristig
 Fuß fassen können, um im Sinne der langfristigen Versorgung und des friedlichen
 Zusammenlebens in Palästina zu arbeiten. Die Bundesregierung muss hier Druck ausüben. 

 Internationale Zusammenarbeit und Völkerrecht stärken
 Wir fordern die Bundesregierung auf, sich für die Stärkung internationaler
 Organisationen einzusetzen. Hilfsorganisationen müssen finanziell und personell
 unterstützt werden, um ihre Arbeit in den palästinensischen Gebieten leisten zu
 können. Internationale Gerichtsbeschlüsse müssen umgesetzt werden, unabhängig davon,
 gegen welche Staaten oder Personen sie sich richten. Das gilt besonders für den
 internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu, Joav Galant und die Führung der
 Hamas und eine lückenlose Aufklärung der Angriffe auf zivile Infrastruktur und
 humanitäre Organisationen. Die Folgen der Kriegsführung des israelischen Militärs und
 mögliche Kriegsverbrechen müssen umfassend aufgeklärt werden. Die Bundesregierung
 muss diplomatische Anstrengungen unternehmen, um Beweise zu sichern und eine
 unabhängige, internationale Untersuchung zu ermöglichen. Zu oft wird während und nach
 Konflikten zu spät gehandelt, um stichhaltige Beweise zu sichern. Internationale
 Gerichtsbarkeit muss auch in diesem Konflikt gelten. 

 Anerkennung Palästinas und Wiederaufbau
 Deutschland muss sich auf EU- und internationaler Ebene klar positionieren und dem
 Beispiel von Spanien, Irland und Norwegen folgen: Wir fordern die Anerkennung eines
 palästinensischen Staates. Dies ist ein notwendiger Schritt zur Stärkung
 demokratischer und staatlicher Strukturen in den palästinensischen Gebieten.
 Gleichzeitig braucht es eine langfristig angelegte Wiederaufbau-Initiative für den
 Gazastreifen, mit dem Ziel einer demokratischen, friedlichen und selbstbestimmten
 Perspektive für die Menschen vor Ort. Deutschland soll außerdem einer Überprüfung des
 EU-Assoziierungsabkommens mit Israel zustimmen. Dies soll eine Möglichkeit des
 diplomatischen Drucks auf Israel darstellen, um die oben angeführten Ziele zu
 erreichen. 

 Kritische Auseinandersetzung in Deutschland
 Auch der Umgang mit dem Krieg in der deutschen Politik und Öffentlichkeit muss
 selbstkritisch reflektiert werden. Wir fordern den aktiven Schutz und die
 Unterstützung von Journalistinnen, insbesondere bei der unabhängigen Dokumentation
 von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Der Zugang zu neutralen,
 faktenbasierten Informationen muss gesichert und gestärkt werden. Zu viele
 Journalist*innen wurden im Gazastreifen getötet, oft ohne Aufarbeitung oder
 öffentliche Reaktion. Medien in Deutschland tragen eine besondere Verantwortung: Eine
 unkritische Reproduktion offizieller Narrative – sei es durch die Hamas oder das
 israelische Militär – widerspricht der journalistischen Sorgfaltspflicht.
 Perspektiven aller betroffenen Gruppen, Israelis wie Palästinenser*innen, müssen
 sichtbar gemacht, eingeordnet und differenziert dargestellt werden. Gerade im
 öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist häufig eine einseitige Darstellung zu beobachten,
 die erst mit Tagen Verzögerung kontextualisiert oder korrigiert wird. 

 Nur durch eine Kombination aus sofortigem Handeln, diplomatischem Druck, Aufarbeitung
 und einer glaubwürdigen politischen Perspektive lässt sich das Leid in Palästina
 überwinden. Die SPD als Regierungspartei muss ihre internationale Verantwortung ernst
 nehmen und sich entschieden für Humanität, Menschenrechte und Völkerrecht einsetzen –
 in Deutschland, in der EU und weltweit. Denn Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität
 sind einfach nur leere Worte, wenn die Partei die sie sich auf die Fahnen geschrieben
 nicht nach ihnen handelt. Sie müssen gelten, für alle Menschen und alle Völker.