„Mehr Lamarr, weniger Lücken“- Feministische Grundbildung an Schulen durch die Einführung einer fächerübergreifenden Themenwoche stärken.


Zur Weiterleitung an: 
Juso-Bundeskongress, SPD-Landesparteitag, SPD-Landtagsfraktion

  Die Versammlung möge beschließen:
  Noch immer ist unsere Geschichtsschreibung männlich dominiert – Frauen, queere und
  intergeschlechtliche Personen wurden über Jahrhunderte aus Bildung, Forschung,
  Politik und Öffentlichkeit ausgeschlossen und damit auch aus dem kollektiven
  Gedächtnis verdrängt. Feministische Perspektiven und Lebensrealitäten finden in
  Schulen oft nur am Rand statt – wenn überhaupt.

  Gerade jetzt erleben wir, wie autoritäre und rechte Kräfte weltweit versuchen,
  feministische und queere Inhalte aus dem Unterricht zu verbannen – wie aktuell in
 den
  USA unter Trump. Themen wie Geschlechtergerechtigkeit oder queere Lebensrealitäten
  werden systematisch aus Lehrplänen gestrichen.

  Dem müssen wir in Baden-Württemberg entschieden entgegentreten. Schulen müssen Räume
  der Aufklärung, Gleichberechtigung und politischen Bildung sein.

 Daher fordern wir als Jusos Baden-Württemberg das Kultusministerium auf, eine
 fächerübergreifende Lehrplanreform zur feministischen Grundbildung an allen
 weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg einzuführen. Dieser Reform soll
 jährlich
 evaluiert und angepasst werden.

 Eine fächerübergreifende Lehrplanreform zur feministischen Grundbildung kann einen
 entscheidenden Beitrag dazu leisten: Sie macht weibliche* Perspektiven sichtbar,
 bietet jungen Mädchen und queeren Jugendlichen Identifikationsmöglichkeiten und
 vermittelt Grundlagenwissen zu feministischen Kämpfen, strukturellem Sexismus und
 gesellschaftlicher Ungleichheit.

 Dabei sollen verschiedene Schulfächer im selben Zeitraum während dem Schuljahr
 gemeinsam mit den gleichen Inhalten arbeiten – von
 Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch über Religion, Kunst und Musik bis zu den
 MINT-Fächern.

  Konkrete Beispiele von historischen Frauenfiguren können dabei als thematische Anker
  dienen:

  Hedy Lamarr (1914–2000) – Schauspielerin und Erfinderin
  Lamarr wurde als Hollywood-Star und „schönste Frau der Welt“ bekannt, aber sie war
  auch eine brillante Wissenschaftlerin. Gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil
  entwickelte sie das Frequenzsprungverfahren – eine bahnbrechende Technik, die bis
  heute Grundlage für Bluetooth, WLAN und Mobilfunk ist. In Physik oder Informatik
 kann
  ihr Werk als Einstieg für Diskussionen über Frauen in MINT-Berufen und strukturellen
  Sexismus dienen. Ihre Geschichte zeigt, wie wissenschaftliche Leistung lange nur
  unter männlichem Namen anerkannt wurde.

  Emilie Schindler (1907–2001) – Widerstand im Schatten
  Während Oskar Schindler weltweite Bekanntheit erlangte, wurde Emilie Schindlers
  entscheidender Beitrag zur Rettung hunderter Jüdinnen und Juden aus dem Holocaust
 oft
  übersehen. In Geschichte oder Gemeinschaftskunde kann sie als Beispiel für
 weiblichen
  Widerstand, Zivilcourage und ethisches Handeln vorgestellt werden – und damit auch
  das oft männlich dominierte Narrativ des Widerstands differenzieren.

 Hildegard von Bingen (1098-1179) – Universalgelehrte des Mittelalters
 Hildegard war Theologin, Komponistin, Naturforscherin und Visionärin. Sie verfasste
 bedeutende naturkundliche und medizinische Schriften, führte Korrespondenzen mit
 Päpsten und Herrschern und prägte das religiöse Denken ihrer Zeit. In Religion,
 Musik
 oder Biologie kann ihre Vielseitigkeit als Brücke dienen, um über weibliche Bildung
 im Mittelalter, Spiritualität und Wissenschaft zu sprechen.

 Rosalind Elise Franklin (1920-1958) – Mitentdeckerin der DNA-Doppelhelix

 Während James Watson und Francis Crick als Entdecker der DNA-Doppelhelix weltberühmt
 wurden und den Nobelpreis erhielten, blieb der entscheidende wissenschaftliche
 Beitrag dazu von Rosalind Franklin lange unbeachtet. Dabei hat Rosalind Franklin mit
 ihrer Forschung der Röntgenkristallographie die experimentellen Grundlagen für die
 Entschlüsselung der DNA-Doppelhelix gelegt. Ohne ihre Arbeit wäre es James Watson und
 Francis Crick nicht möglich gewesen die Struktur zu entschlüsseln.

  Diese Woche soll kein einmaliges Projekt, sondern fester Bestandteil eines
  emanzipatorischen Bildungsverständnisses sein. Sie hilft, patriarchale Strukturen zu
  erkennen, kritisches Denken zu fördern und eine vielfältigere und realistischere
  Darstellung von Geschichte und Gesellschaft zu etablieren.

  Feministische Bildung ist Allgemeinbildung. Und sie gehört dauerhaft in unsere
  Schulen.