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Die Kunst- und Kulturbranche lebt von Kreativität, Vielfalt und Ausdruck – und doch
ist sie bis heute tief geprägt von patriarchalen Strukturen und
geschlechtsspezifischer Ungleichheit. Ob in Theatern, Oper, Ballett oder andere
Einrichtungen: Macht und Einfluss obliegt meist immer noch Cis-Männern; FINTA-
Personen sind unterrepräsentiert, unterbezahlt – oder werden durch strukturelle
Barrieren und patriarchale Machtverhältnisse systematisch ausgeschlossen. Kunst wird
oft als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet. Das ist aber nur möglich, wenn die
Strukturen hinter den Kulissen ebenso gerecht und divers sind wie die Werke auf der
Bühne. Kunst und Kultur sollen Räume bieten, in denen gesellschaftliche Kritik und
Wandel angestoßen wird. Eine wirklich vielfältige, gerechte und demokratische
Kulturlandschaft ist möglich; jedoch nur, wenn wir bereit sind, ihre patriarchalen
Strukturen offen zu benennen und entschlossen zu verändern.
Daher setzten wir uns mit diesem Antrag für eine feministische Kulturpolitik als
auch
eine gerechte Reform der Kunst- und Kulturlandschaft ein, denn wir wollen
Vielfältigkeit und vor allem eine Kunst- und Kulturbranche, die genauso divers ist
wie unsere Gesellschaft.
Daher fordern wir:
1. Geschichte neu erzählen – Künstler:innen sichtbar machen!
Noch immer dominiert ein männlich-eurozentrierter Kanon unsere Lehrpläne in Musik
und
Kunst. Künstler:innen von Clara Schumann bis Yoko Ono werden wenn überhaupt, häufig
nur am Rand oder im Schatten ihrer Ehemänner erwähnt. Dabei haben sie die Musik- und
Kunstgeschichte wesentlich mitgeprägt, wurden aber systematisch unsichtbar gemacht.
Wir fordern daher eine grundlegende Überarbeitung der Lehrpläne an Schulen und
Musikschulen sowie der Studieninhalte an Hochschulen für Musik, Theater und Kunst.
Darüber hinaus sollen ihnen Kulturinstitutionen beispielsweise Austellungen oder
kulturelle Abende widmen. Künstler:innen abseits des klassischen Kanons –
insbesondere FINTA-Personen und BIPoC – müssen in Schulbüchern, Konzertprogrammen,
Spielplänen und Ausstellungen dsichtbar gemacht werden. Denn eines gilt: Geschichte
muss auch in der Kunst aus einer feministischen, postkolonialen und intersektionalen
Perspektive erzählt werden!
2. Nachwuchsförderung feministisch und inklusiv!
Der Weg in die Kunst ist nicht nur steinig, sondern für viele ohne familiäre oder
finanzielle Rückendeckung sehr schwer zugänglich. Junge Künstler:innen, insbesondere
FINTA, stoßen auf große Hürden sei es eine unzureichende finanzielle Förderung,
fehlende Netzwerke, wenig Vorbilder oder leider oftmals ein Umfeld, das wenig Raum
für Selbstbestimmung lässt.
Wir fordern daher eine geschlechtergerechte Nachwuchsförderung. Diese kann in Form
von Stipendienprogramme, Mentoringmodelle, FINTA-Förderpreise oder durch geschützte
Bühnenformate verwirklicht werden. Insbesondere im Übergang von Ausbildung in die
berufliche Praxis braucht es gezielte Programme, um Unabhängigkeit und Sichtbarkeit
zu stärken.
3. Eine Machtreform der Männerdomäne bedeutet eine Reform des Intendatensystems!
Die deutsche Kulturlandschaft ist geprägt von hierarchischen Strukturen. Vor allem
das Intendantensystem, was an den meisten Häusern der Weg ist, um Leitung zu
strukturieren und organisieren führt zu einer starken Machtkonzentration auf eine
Einzelperson, meist CIS-Männer. Diese entscheidet meist allein über Personal,
Spielpläne, Inhalte, Mittelvergabe und die künstlerische Ausrichtung – häufig ohne
demokratische Kontrolle oder Partizipation. Das fördert Machtmissbrauch und
Vetternwirtschaft.
Wir fordern ein Umdenken: Kulturinstitutionen müssen transparenter, demokratischer
und diverser geführt werden. Kollegiale Leitungsmodelle, partizipative
Entscheidungsstrukturen und transparente Bewerbungsverfahren müssen bundesweit
gefördert werden.
4. Keine Bühne für patriarchale Gewalt!
Missbrauchsvorwürfe, wie der Weinstein-Prozess sind kein Einzelfall und betreffen
vor
allem nicht nur Hollywood. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und hierarchische,
männlich dominierte Machtstrukturen sind ein Nährboden für Sexismus, Machtmissbrauch
und sexualisierte Gewalt. Von Übergriffen bei Proben über Missbrauch in Ausbildungs-
und Arbeitsverhältnissen – aus Angst vor Karriereeinbruch oder Stigmatisierung
werden
die meisten Fälle nicht gemeldet.
Wir fordern daher verpflichtende Schutzkonzepte in allen öffentlich geförderten
Kulturinstitutionen. Ein Weg bietet der des:der Diskriminirungsbeauftragte:n. Diese
Person dient als erste Anlaufstelle und übt diese Tätigkeit während ihrer
Arbeitszeit
aus. Sie agiert als unabhängige Vertrauensperson und besucht regelmäßig Awareness-
Schulungen. Darüber hinaus empfiehlt sie weitere Beratungsstellen (z. B. rechtliche)
und Schutzräume, an die sich die Betroffenen wenden können. Betroffene müssen
endlich
geschützt und Täter konsequent zur Verantwortung gezogen werden!
5. Zeit für faire Bezahlung und sichere Arbeitsverhältnisse!
Künstler:innen, vor allem in der freien Szene, arbeiten oft unter hohem Druck,
prekären Arbeitsbedingungen, haben keine festen Verträge oder sichere Einnahmen.
Besonders FINTA-Personen, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Migrationsgeschichte
sind davon betroffen. Wir fordern eine grundlegende Verbesserung der finanziellen
und
sozialen Absicherung für Kulturschaffende! Durch die Reform des NV-Bühne wurde ein
erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan.
6. Abhängigkeit von Investoren und Mäzen:innen beenden!
Immer mehr kulturelle Vorhaben sind auf private Finanzierung angewiesen – häufig von
Investoren, Sponsoren oder Mäzen:innen. Diese haben oft direkten Einfluss auf
Inhalte, Besetzung oder Themenauswahl – und entscheiden mit, welche künstlerische
Haltung eine Bühne bekommt und welche nicht.
Wir fordern eine verlässliche, öffentliche Kulturfinanzierung, die künstlerische
Unabhängigkeit. Darüber hinaus darf staatliche Förderung nicht nur „Leuchttürme“
finanzieren, sondern muss gezielt auch Räume fördern, in denen neue Perspektiven
wachsen können. Denn in einer vielfältigen und vor allem demokratischen
Kulturlandschaft ist kein Platz für kapitalorientierte Elitenherrschaft!
7. Vereinbarkeit von Kunst und Care – Elternschaft darf keine Karrierefalle sein!
Gerade für FINTAs ist der berufliche Alltag in der Kunst- und Kulturbranche mit
zusätzlichen Hürden verbunden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist oftmals
kaum möglich – unregelmäßige Arbeitszeiten, kurzfristige Projektverträge und
fehlende
soziale Absicherung erschweren eine stabile Lebens- und Erwerbsplanung. Oftmals
scheiden sie sobald sie Kinder bekommen aus dem Beruf aus oder reduzieren ihre
Tätigkeit massiv, mit weitreichenden Folgen für ihre künstlerische Laufbahn,
finanzielle Sicherheit und Altersvorsorge. Elternschaft darf nicht das Ende einer
künstlerischen Laufbahn bedeuten. Wir setzen uns ein für eine feministische
Kulturpolitik, in der Care-Arbeit endlich als strukturelle Realität anerkannt und
solidarisch getragen.
Wir fordern deshalb gezielte Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Care-Arbeit
und
künstlerischer Tätigkeit:
- Kinderbetreuungsangebote in oder in der Nähe von Kultureinrichtungen
- Förderprogramme mit Elternzeitregelungen: flexiblen Arbeitszeiten und
Wiedereinstiegsberatung für Künstler:innen mit Familie - Kinderfreundliche Residenz- und Stipendienformate, bei denen auch
Familienangehörige mitgedacht und unterstützt werden - Gleichstellungskonzepte in öffentlich geförderten Institutionen, die Care-
Verantwortung sichtbar machen und berücksichtigen
