Öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren. Demokratisch, digital, vielfältig

Weiterleitung an: SPD Bundestagsfraktion

  Für einen zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR)

 Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie.
 Seine unabhängige Berichterstattung, sein Bildungsauftrag und seine kulturelle
 Vielfalt sichern Teilhabe, Information und Vertrauen. Doch gesellschaftliche,
 technologische und politische Entwicklungen erfordern Reformen. Junge Zielgruppen
 wandern ab, rechtspopulistische Kräfte versuchen, den ÖRR gezielt zu delegitimieren,
 und interne Strukturen erscheinen zunehmend schwerfällig und intransparent.

 Der Rundfunkbeitrag wird einkommensunabhängig pro Haushalt und für Unternehmen und
 Institutionen pro beschäftigter Person und Betriebsstätte fällig. Dabei wird weder
 darin unterschieden, wie viele Personen in einem Haushalt leben noch, wie hoch deren
 Einkommen ist. Das führt zu sozialen Verwerfungen und zu einer proportionalen f
 inanziellen Mehrbelastung von Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen
 und/oder allein leben.

 Mit dem Ziel, den öffentlichen Rundfunk schlanker und moderner aufzustellen,
 beschlossen die Ministerpräsident:innen am 25. Oktober 2024 den Entwurf des
 „Staatsvertrages zur Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
 (Reformstaatsvertrag)“. Dieser sieht u.a. eine Verschärfung des Verbots der
 „Presseähnlichkeit“ vor. Auf Online-Seiten und Social-Media-Kanälen muss demnach bei
 Veröffentlichung ein Sendungsbezug vorliegen. Das heißt, Texte können mit wenigen
 Ausnahmen lediglich dann veröffentlicht werden, sofern in Fernseh- und Radioformaten
 darüber berichtet wird. Dies widerspricht dem Anspruch, eine
 vollausgewogene,zeitgemäße und umfangreiche Berichterstattung auch online anbieten zu
 können. Zudem rührt der Begriff der Presseähnlichkeit von der Kritik von
 Zeitungsverlagen her, nach der die Berichterstattung in Textform eine unfaire
 Konkurrenz und Marktverzerrung darstelle.

 Das im Reformstaatsvertrag erklärte Ziel der Kosteneinsparung und dem Abbau von
 Doppelstrukturen ist zu begrüßen. Nichtsdestotrotz müssen die Rundfunkanstalten dazu
 angehalten werden, bei Programmkürzungen nicht mit der metaphorischen Spitzhacke,
 sondern prioritär nach gesellschaftlichem Nutzen vorzugehen. Dabei sollten primär
 Unterhaltungsprogramme mit ähnlicher Prämisse (z.B. der fünfte Bergkrimi) in Betracht
 gezogen werden, die insbesondere auch durch den freien Medienmarkt bedient werden.
 Weniger sinnvoll sind Kürzungen bei Sendungskonzepten, die aus gesellschaftlicher
 Sicht essentiell und wertvoll sind und durch den freien Medienmarkt kaum in
 ausreichendem Maße bedient werden. Darunter zählen z.B. – insbesondere regionale
 Kulturprogramme oder die Radiosendung Cosmo von WDR und rbb. Diese ist insofern
 einzigartig, als es sich um das ARD-weit einzige Radioprojekt handelt, das konsequent
 mehrsprachig arbeitet und dabei aktiv versucht, migrantische und queere Perspektiven
 miteinzubeziehen. Auch dieses Programm steht momentan auf der Kippe.

  Damit der ÖRR seine Rolle auch in Zukunft erfüllen kann, braucht es eine
  tiefgreifende Neuausrichtung: effizienter, demokratischer, vielfältiger und näher an
  den Menschen.

  1. Strukturreform: Effektivität und Effizienz erhöhen, Bürger:innen beteiligen

  •  Wir begrüßen die geplante stärkere Zusammenarbeit von ARD, ZDF und
     Deutschlandradio im Bereich der technischen Infrastruktur. Diese muss auch auf
     Verwaltungsbereiche ausgeweitet werden, insbesondere in zentralen
     Aufgabenfeldern wie IT, Personal und Rechtswesen. Im Reformstaatsvertrag für
     ARD, ZDF und Deutschlandradio ist die rein sendungsbezogene Textnutzung im
     Online-Raum zu streichen. Die Kritik der Presseähnlichkeit und Marktverzerrung
     weisen wir zurück.
  •  Die Empfehlungen des Zukunftsrats zum Abbau von Doppelstrukturen und zur
     stärkeren Trennung von regionaler und bundesweiter Berichterstattung sind ein
     Schritt in die richtige Richtung. Diese müssen zügig konkretisiert und
     umgesetzt
     werden. Das Konzept der Kompetenzzentren für inhaltliche Berichterstattung und
     deren weiterer Ausbau ist zu begrüßen.
  •   Regionale Identität ist demokratische Stärke: Wir fordern gezielte
     Investitionen
      in regionale Programme, Veranstaltungsformate und lokale Berichterstattung.Der
      ÖRR soll echte Partizipation ermöglichen: Nach dem Vorbild des Bürgerfunks in
      NRW sollen Formate entstehen, in denen Bürger:innen selbst Inhalte gestalten
      oder regionale Veranstaltungen initiieren können.
  •   Wir fordern die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Innovationsfonds, der
      gezielt digitale, experimentelle und partizipative Medienprojekte fördert,
      vorwiegend Formate junger, migrantischer oder marginalisierter Akteur:innen.

  2. Programminhalte und Qualität: Bildung, Vielfalt und Aufklärung stärken

  •   Der Bildungsauftrag des ÖRR muss modernisiert werden. Medienkompetenz,
      Desinformation und digitale Aufklärung gehören systematisch ins
      Programm, speziell in Zusammenarbeit mit Schulen, Hochschulen und
      zivilgesellschaftlichen Bildungsträgern.
  •   Die Vielfalt des Landes muss sich im Programm widerspiegeln. Wir fordern mehr
      Inhalte, die Lebensrealitäten von Minderheiten, jungen Menschen, queeren
      Communitys und Menschen mit Migrationsgeschichte zeigen, in Sprache, Format und
      Repräsentation.
  •   Investigativer Journalismus, Kulturformate und unabhängige
      Hintergrundberichterstattung sind tragende Säulen des ÖRR. Wir fordern eine
      gesicherte Finanzierung und gegebenenfalls den Aufbau gemeinsamer Recherche
      Verbünde.

  3. Digitalisierung und Interaktion: Demokratischer Dialog auf Augenhöhe

  •   Der ÖRR soll digitale Formate nicht nur ausstrahlen, sondern als interaktive
      Plattform denken. Live-Diskussionen, Rückkanäle, Umfragen und hybride
      Beteiligungsprojekte sollen stärker gefördert werden.
  •   Formate für junge Zielgruppen sollen auf Plattformen stattfinden, die diese
      tatsächlich nutzen, von YouTube über TikTok bis zu eigenen mobilen Apps. Dabei
      müssen Barrierefreiheit und niedrigschwelliger Zugang Priorität haben.Der
      öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag muss auch im Digitalen spürbar sein: Wir
      fordern mehr digitale Formate zur Demokratiebildung, die gemeinsam mit
      zivilgesellschaftlichen Organisationen, Bildungsträgern oder Jugendverbänden
      entstehen, etwa Erklärvideos, interaktive Tools oder kooperative Serienformate.

  4. Umgang mit Demokratiefeindlichkeit und populistischer Rhetorik

  •   Journalist:innen, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgebildet werden,
      sollen verbindlich Schulungen im Umgang mit Demokratiefeindlichkeit, Populismus
      und manipulativer Rhetorik durchlaufen. Diese Inhalte müssen fester Bestandteil
      der journalistischen Aus- und Fortbildung im ÖRR sein. Praxisnah, kritisch
      reflektiert und demokratiefördernd.

  5. Governance und Kontrolle: Transparenz stärken, Demokratie leben

  •   Der ÖRR muss transparent kommunizieren: Wir fordern die Einrichtung einer
      öffentlich zugänglichen Informationsplattform, auf der Ziele, Strategien,
      Gremienentscheidungen und Budgets verständlich dargestellt werden.
  •   Der Rundfunkrat soll demokratischer und vielfältiger werden. Eine paritätische
      Besetzung ist nicht nur in der Praxis bei gutem Willen umzusetzen, sondern auch
      auf dem Papier festzuschreiben. Wir fordern eine zeitgemäße Repräsentanz von
      migrantischen und marginalisierten Gruppen. Der jetzige Pool wurde der
      Veränderung unserer Gesellschaft zu wenig angeglichen.

  Fazit: Reformieren statt kürzen, öffentlich-rechtlich braucht Zukunft

  Die Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommen von rechts, unsere
  Antwort ist nicht weniger ÖRR, sondern ein besserer: zugänglich, transparent,
  partizipativ und demokratisch legitimiert. Wir Jusos stehen für einen ÖRR, der
  Haltung zeigt, Vielfalt abbildet und die digitale Gesellschaft mitgestaltet. Die
  vorliegenden Reformbemühungen sind ein Anfang, aber wir fordern echten Fortschritt.