Zur Weiterleitung an: Juso-Bundeskongress, SPD-Landesparteitag, SPD-Landtagsfraktion,
SPD-Bundestagsfraktion, G-BA
Die Versammlung möge beschließen:
Sexuelle Gesundheit ist mehr als ein intimes Thema – sie ist eine politische Frage.
Sie betrifft nicht nur Körper, sondern auch seelisches Wohlbefinden,
Selbstbestimmung, Aufklärung und soziale Gerechtigkeit. Wer über sexuelle Gesundheit
spricht, spricht über Machtverhältnisse, über den Zugang zu medizinischer
Versorgung,
über Bildung und über Teilhabe.
Als feministischer Jugendverband vertreten wir eine Politik, in der das Thema
sexuelle Gesundheit aus der Tabuzone herausgenommen wird. Unser Ziel ist eine
Gesellschaft, in der alle Menschen selbstbestimmt, sicher und aufgeklärt mit ihrer
Sexualität leben können.
Dazu braucht es nicht nur medizinische Reformen – sondern eine
gesamtgesellschaftliche Bewegung. Und wir machen den Anfang.
Enttabuisierung beginnt bei Männern
Während für viele junge Frauen der regelmäßige Besuch bei der Frauenärztin ab der
Pubertät selbstverständlich ist, findet eine vergleichbare Routine bei Männern oft
nicht statt. Der Gang zum Urologen erfolgt meist erst dann, wenn Beschwerden
auftreten – nicht selten ist das zu spät. Diese Zurückhaltung ist Ausdruck einer
problematischen Männlichkeitskultur, in der gesundheitliche Prävention als unnötig
gilt und die Vorurteile über den Gang zur Vorsorgeuntersuchung schwerer wiegen als
die Vernunft. Sexuelle Gesundheit betrifft jedoch alle – unabhängig vom Geschlecht.
Männer brauchen, genau wie Frauen, niedrigschwellige und vertrauensvolle Zugänge zu
medizinischer Beratung, Kontrolle und Aufklärung. Nicht nur, um Krankheiten
frühzeitig zu erkennen, sondern auch, um Fragen, Unsicherheiten und Zweifel
ansprechen zu können. Denn klar ist: Gerade die männliche Sexualität braucht Raum
für
Reflexion. Ein solcher Zugang würde nicht zuletzt auch die gesellschaftliche
Verantwortung von Männern in den Blick rücken: für Verhütung, für die Prävention
sexuell übertragbarer Erkrankungen und für ein partnerschaftliches Verständnis von
Sexualität, welches nicht auf Kontrolle, sondern auf Konsens beruht.
Wir fordern daher eine bundesweite, öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagne, die
Männer gezielt zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer sexuellen Gesundheit
ermutigt. Ergänzend sollen einrichtungsübergreifende Fortbildungen für medizinisches
Personal im Umgang mit männlicher Sexualität als Teil der Ausbildung etabliert
werden.
Vorsorge strukturell ermöglichen
Um gesamtgesellschaftlich das Thema sexuelle Gesundheit zu enttabuisieren, braucht
es
auch die entsprechende Infrastruktur, wenn es um die medizinische Versorgung geht.
Die aktuelle Gesundheitsversorgung ist geprägt von strukturellen Lücken und
selektiver Kostenübernahme je nach Krankenversicherung. Dabei sollten
Vorsorgeuntersuchungen weder von Herkunft noch vom Geldbeutel abhängig sein.
Grundsätzlich braucht es eine flächendeckende Versorgung mit Urolog*innen und
Gynäkolog*innen – insbesondere im ländlichen Raum – sowie den Ausbau
interdisziplinärer Gesundheitszentren für sexuelle und reproduktive Gesundheit, in
der insbesondere auch Aufklärung über nicht-heteronormative Sexualität stattfindet.
Doch auch wenn entsprechende Praxen zugänglich sind, liegen aktuell noch zu viele
Steine im Weg hin zu einer Gesellschaft, in der alle von sexueller Gesundheit
profitieren.
Die einzige vorgesehene Krebsuntersuchung nur für Männer ist bisher die digital-
rektale Untersuchung (DRU), die in der Regel erst ab dem 45. Lebensjahr übernommen
wird. Weitere Maßnahmen, wie z. B. bei der sogenannte PSA-Test, welcher Hinweise auf
das Vorliegen von Prostatakrebs geben kann, sind nicht Teil der durch die
gesetzlichen Krankenkassen übernommenen Vorsorge. Die Deutsche Gesellschaft für
Urologie empfiehlt jedoch in ihrer erst jüngst erschienen neuen Leitlinie zu
Prostatakrebs statt der DRU die Durchführung eines PSA-Tests und gegebenenfalls eine
anschließende Bildgebung mittels Magnetresonanztomographie (MRT). Wir fordern
deshalb
die Übernahme dieser potentiell lebensrettenden Untersuchungen durch die
gesetzlichen
Krankenkassen und folgen damit zeitgemäßen wissenschaftlichen Empfehlungen von
Expert*innen.
Auch bei der HPV-Impfung zeigen sich Defizite: Zwar wird die Impfung seit 2018 auch
Jungen im Alter von 9 bis 17 Jahren empfohlen und von der Kasse übernommen, dennoch
sind viele Eltern zu wenig informiert. Die Folge: Eine flächendeckende Immunisierung
bleibt aus, obwohl HPV nicht nur Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, sondern auch
andere Krebsarten – beispielsweise am After oder im Mund-Rachen-Raum – von denen
alle
Geschlechter betroffen sein können. Und was die wenigsten wissen: Eine Infektion ist
leicht über Haut- oder Schleimhautkontakt übertragbar, nicht nur beim
Geschlechtsverkehr. Auch deshalb braucht es gezielte Aufklärung, die explizit auch
Jungen und ihre Eltern erreicht.
Eine weitere Lücke zeigt sich außerdem beim Umgang mit sexuell übertragbaren
Infektionen (STIs). Diese bleiben bei Männern besonders häufig unentdeckt, weil sie
oft asymptomatisch verlaufen. Regelmäßige, kostenfreie Tests sollten deshalb ein
selbstverständlicher Teil der Prävention sein und nicht als „Sonderleistung“
behandelt werden. Das dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern hilft auch
Ansteckungsketten früh zu unterbrechen und Scham und Stigma rund um das Thema
nachhaltig abzubauen.
Wir fordern deshalb:
● Einführung eines jährlichen „Check-ups für Männer“ ab 20 Jahren, der nicht nur
körperliche Gesundheit, sondern auch Sexualität, reproduktive Fragen und psychische
Aspekte einschließt – analog zur gynäkologischen Vorsorge bei Frauen.
● Keine Eigenbeteiligung bei sinnvoller Vorsorge: Dazu zählen der PSA-Test im
Verdachtsfall sowie alle medizinisch indizierten Untersuchungen, wie zum Beispiel
Hormonstatus-Tests bei Libidoverlust oder Erektionsproblemen sowie andere Tests bei
Beschwerden im Bereich Sexualität, Potenz oder Infektionen.
● Kostenfreie HPV-Nachholimpfung auch über das 18. Lebensjahr hinaus, sofern sie
medizinisch empfohlen ist.
● Zielgerichtete ärztliche Aufklärung über HPV und STI-Prävention, besonders für
Jungen und ihre Eltern.
● Kostenfreie STI-Testangebote, sowohl als regelmäßige Leistung bei Ärzt*innen, als
auch in speziellen Zentren, in denen man sich anonym testen lassen kann – bundesweit
zugänglich und barrierefrei.
Verhütung geht uns alle an Die Verantwortung für Verhütung wird noch immer
überwiegend bei Frauen abgeladen, während gleichzeitig der Zugang zu
Verhütungsmitteln mit finanziellen und strukturellen Hürden verbunden ist. Doch
Verhütung ist kein Luxus, sondern Teil der sexuellen und reproduktiven
Selbstbestimmung.
Besonders problematisch zeigt sich der Umgang mit Verhütung bei der „Pille danach“:
Ihr Kauf ist für viele nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine enorme
psychische Belastung. Häufig steht dahinter ein ungeschützter Geschlechtsverkehr,
der
ohne Konsens stattgefunden hat oder Situationen, in denen Betroffene keine
informierte Entscheidung treffen konnten. Gerade junge Mädchen werden nach dem Kauf
der „Pille danach“ oft allein gelassen – mit den körperlichen Nebenwirkungen, aber
auch mit den emotionalen Folgen.
Für einen besseren Umgang mit der “Pille danach” fordern wir daher:
● Die kostenfreie Abgabe in Apotheken.
● Ein sensibler, nicht-stigmatisierender Umgang beim Verkauf, sowie die
Bereitstellung eines Angebots für psychologische Begleitung.
● Ein niedrigschwelliges Nachsorgeangebot, in dem Nebenwirkungen, mögliche
psychische
Belastungen und Fragen zur weiteren Verhütung besprochen werden können.
Grundsätzlich fordern wir die kostenfreie Bereitstellung von sämtlichen
Verhütungsmitteln für alle, unabhängig von Einkommen oder Geschlecht.
Reproduktive Selbstbestimmung statt Kriminalisierung
Zur sexuellen Gesundheit gehört selbstverständlich auch das Recht auf sexuelle
Selbstbestimmung und damit auch das Recht, über eine Schwangerschaft selbst zu
entscheiden. Deshalb ist an dieser Stelle essentiell zu betonen:
Der § 218 StGB gehört endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen!
Die strafrechtliche Regelung stigmatisiert ungewollte Schwangerschaftsabbrüche und
jene, die sie durchführen oder in Anspruch nehmen und erschwert so den Zugang zu
sicherer medizinischer Versorgung. Die Kriminalisierung führt dazu, dass immer
weniger Ärztinnen Schwangerschaftsabbrüche anbieten – mit der Folge, dass Betroffene
häufig keine wohnortnahe Versorgung finden, wochenlang suchen müssen oder sich
gezwungen fühlen ins Ausland auszuweichen. Zudem fehlt es ganz allgemein an Wissen
und Kompetenz in der Breite von Fachärztinnen, da Schwangerschaftsabbrüche keinen
Teil der medizinischen Ausbildung darstellen – die praktische Vermittlung von
Methoden sowie ein wertfreier, empathischer Umgang mit ungewollt Schwangeren bleiben
deshalb außen vor.
Der jetzige Zustand ist nicht hinnehmbar. Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der
Gesundheitsversorgung und müssen als solche behandelt werden.
Dazu gehört:
● Die vollständige Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.
● Ein flächendeckendes Versorgungsangebot auch im ländlichen Raum.
● Die vollständige Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen. Dazu gehören die
Kosten des Schwangerschaftsabbruches, sowie zusätzliche anfallende Kosten für
Fahrten
zu den Kliniken, zu Beratungsgesprächen und Vorbesprechungen.
● Das Etablieren von Schwangerschaftsabbrüche als fester Bestandteil der
medizinischen Ausbildung.
Schule muss mehr als Aufklären
Sexuelle Gesundheit beinhaltet nicht nur das Fehlen von Krankheiten, sondern umfasst
auch eine positive und respektvolle Einstellung zur Sexualität und
zwischenmenschlichen Beziehungen.
Angesichts des alarmierenden Anstiegs sexualisierter Gewalt in Deutschland muss
Sexualaufklärung in Schulen dringend als zentrales Mittel zur Prävention verstanden
werden. Der Unterricht darf sich nicht länger auf biologische Reproduktionsvorgänge
beschränken, sondern muss den sozialen, emotionalen und politischen Dimensionen von
Sexualität gerecht werden.
Mädchen und Frauen müssen darin gestärkt werden, Situationen von Übergriffen zu
erkennen, Grenzen klar zu kommunizieren und zu wissen, wo und wie sie Hilfe
bekommen.
Gleichzeitig braucht es eine geschlechterreflektierte Ansprache von Cis-Männern: Sie
müssen darin aufgeklärt werden, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse –
insbesondere patriarchale Strukturen – auf sexuelles Verhalten und Erwartungen
auswirken. Nur wer versteht, wie Privilegien, Rollenbilder und Gewaltmechanismen
zusammenhängen, kann verantwortungsvoll handeln.
Der aktuelle Sexualkundeunterricht bleibt jedoch oft oberflächlich und
rückschrittlich. Noch immer dominiert ein heteronormativer, cisgeschlechtlicher
Blick
auf Sexualität. Statt echter Aufklärung erleben viele Schüler*innen unbeholfene
Lehrkräfte und Biologiestunden, in denen es vor allem um die Vermeidung von
Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten geht.
Wir fordern ein Neudenken des Sexualkundeunterrichts in einen umfassenden
Unterricht,
der unter anderem:
– Konsens als zentrales Prinzip im Sexualkundeunterricht verankert,
– Sexualisierte Gewalt thematisiert und präventiv aufklärt,
– Vielfalt von Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen, Beziehungsformen
und
Familienmodellen behandelt,
– sexistische Schönheitsideale und Geschlechterstereotype analysiert und hinterfragt
und einen reflektierten Umgang mit Pornografie ermöglicht.
Nur wenn wir Vielfalt, Konsens, Selbstbestimmung und kritische Reflexion ins Zentrum
stellen, schaffen wir es eine neue Generation Heranwachsender zu erziehen, die echte
sexuelle Gesundheit genießen kann.
Begründung
erfolgt mündlich
