Strukturen brechen, FINTA*-Rechte stärken, Feminismus leben

Zur Weiterleitung an: Juso-Bundeskongress

 1. Aktuelle Lage und wieso wir Feminismus dringend brauchen

 FINTA* (Frauen, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen) haben im Jahr 2025
 in Deutschland pro Stunde durchschnittlich 16 % weniger verdient als Männer. Damit
 hatten FINTA* einen um 4,24 € geringeren Bruttostundenverdienst als Männer.[1]

 FINTA* verbringen täglich durchschnittlich 43, 4 % mehr Zeit mit unbezahlter
 Sorgearbeit als Männer. Dieser sogenannte Gender Care Gap beschreibt den
 geschlechterspezifisch unterschiedlichen zeitlichen Aufwand für Tätigkeiten wie
 Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit und weitere Tätigkeiten.[2]

 Die Gender Pension Gap lag in Deutschland 2025 bei 24,2 %. Die Einkünfte von FINTA*
 im Alter ab 65 Jahren waren damit fast ein Viertel niedriger als die von Männern. Bei
 der Betrachtung von Werten für FINTA* ohne Hinterbliebenenrenten/-pension lag die
 Lücke sogar bei 36 %.[3]

 Außerdem sind FINTA* in Deutschland armutsgefährdeter als Männer. Beispielsweise
 waren FINTA* ab 75 Jahren im Jahr 2024 zu 21,8 % armutsgefährdet, wobei der Anteil an
 armutsgefährdeten Männern ab 75 Jahren bei 15,4 % lag.[4]

 Lediglich 29,1 % der Führungskräfte waren 2024 in Deutschland weiblich. Außerdem
 haben sich die Quoten von FINTA* in einzelnen Berufsfeldern in den letzten Jahren
 kaum verändert. Das Rollenverständnis von „männlichen und weiblichen Berufen“ ist
 daher immer noch vorherrschend.[5]

 Es wird deutlich, dass in unserer Gesellschaft große geschlechterspezifische
 strukturelle Diskrepanzen bestehen und FINTA*-Personen systematisch benachteiligt
 werden. So sind FINTA* strukturell häufiger von Gewalt, Abhängigkeitsverhältnissen
 und der Klimakrise betroffen.

 Doch nicht nur das: Feministische Errungenschaften stehen zunehmend durch rechte und
 antifeministische Bewegungen unter Druck. Diese propagieren rückwärtsgewandte
 Familien- und Rollenbilder und diffamieren feministische Anliegen. Hass und Hetze
 treffen FINTA* nicht nur im digitalen Raum häufiger, auch körperliche Angriffe auf
 FINTA*-Personen, ihre Schutzräume oder bei Ereignissen wie CSDs zeigen, wie
 gefährlich es immer noch ist, eine FINTA*-Person zu sein. Jüngste Beispiele digitaler
 Gewalt verdeutlichen die Abgründe, die diese Gewalt annimmt. Zur Wahrheit gehört
 auch, dass die größte Gefahr für FINTA*-Personen oft im eigenen Zuhause oder Umfeld
 lauert: Fast jeden Tag wird in Deutschland ein Femizid durch einen Partner oder Ex-
 Partner begangen.

 Feminismus ist daher kein Konzept von gestern, sondern wird dringend gebraucht. In
 diesem Antrag wollen wir unser Feminismusverständnis konkretisieren sowie unsere
 bisherige Beschlusslage um einige Forderungen ergänzen, die wir für eine
 geschlechtergerechtere Gesellschaft für notwendig erachten.

 2. Unser Feminismusverständnis

 Wir Jusos Baden-Württemberg sind ein feministischer Verband. Unser erklärtes Ziel ist
 die Abschaffung des Patriarchats, indem wir sexistische Strukturen minimieren und
 langfristig überwinden. Um dies zu erreichen, gehört es für uns dazu, jedes
 politische Thema aus feministischem Blickwinkel zu betrachten.

 Wir definieren unseren Feminismus als materialistisch, queerfeministisch und
 intersektional. Diese Begriffe verstehen wir wie folgt:

 Wir erkennen an, dass unser gesellschaftliches System auf der Ausbeutung weiblicher
 Arbeitskraft – besonders durch unbezahlte Care-Arbeit und emotionale Ausbeutung –
 fußt. Um das daraus resultierende Machtungleichgewicht zu überwinden, braucht es eine
 Umverteilung von Zeit, Geld und Verantwortung, also dem konkreten materialistischen
 Ungleichgewicht, das in unserer Gesellschaft existiert. Patriarchale Strukturen in
 unserer Gesellschaft können jedoch nur vollständig beseitigt werden, indem wir den
 Kapitalismus als ausbeuterisches System betrachten und dagegen vorgehen.

 Als queerfeministischer Verband wollen wir binäre Gesellschaftsstrukturen langfristig
 aufbrechen und soziale Geschlechter dekonstruieren.  Wir brauchen Maßnahmen, die ein
 Umdenken in unserer patriarchal geprägten Denkweise erreichen und internalisierte
 Verhaltensweisen gezielt aufbrechen. Unser Ziel ist es, dass FINTA*-Personen genauso
 als mündige Personen und nicht länger als Objekte betrachtet werden. Wichtige
 Elemente dessen sind für uns FINTA*-Empowerment und kritische Männlichkeit.

 Unser Intersektionalismus bedeutet, dass wir verstehen, dass Menschen gleichzeitige
 Formen der Diskriminierung wie Sexismus, Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit
 und Ableismus erleben. Wir nehmen die besonderen Bedürfnisse jeder Gruppe wahr, ohne
 diese gegeneinander auszuspielen.

 Wir setzen uns deshalb konsequent für die Rechte von FINTA*-Personen ein. Wir kämpfen
 für reproduktive Rechte und sexuelle Selbstbestimmung, für eine gleiche Bezahlung
 aller Geschlechter und ein gerechteres Justizsystem, das nicht länger auf Täterschutz
 ausgerichtet ist, für feministische Stadtplanung und ein Gesundheitssystem, das für
 alle Geschlechter angemessen sorgt. Unsere feministische Solidarität gilt auch
 international: FINTA*-Personen im globalen Süden sind überproportional von der
 Klimakrise, Armut und Diskriminierung betroffen, während sie von Ländern des globalen
 Nordens ausgebeutet werden.

 3. Jusos Baden-Württemberg und was wir als feministischer Verband besser machen
 wollen

 Politische Räume, und so auch unser Verband, stehen nach wie vor unter dem Einfluss
 patriarchaler Strukturen. Auch wenn wir die letzten Jahre viel dafür getan haben, um
 dies zu überwinden, sind wir von gleichberechtigter Teilhabe in der Politik weit
 entfernt. Wir möchten langfristig einen Verband schaffen, der für FINTA* ein echter
 Safe Space ist. Nicht nur FINTA* profitieren von echter Gleichberechtigung und der
 Überwindung patriarchaler Rollenzwänge, wir alle leiden unter diesen Strukturen und
 profitieren von der Überwindung. Wir müssen uns daher weiterhin kritisch mit den
 Strukturen in unserem Verband auseinandersetzen und hierzu insbesondere
 Mehrfachdiskriminierungen anerkennen und berücksichtigen. Weshalb wir den Feminismus
 aus intersektionaler Perspektive betrachten müssen.

 Es ist außerdem wichtig, für FINTA* einen Raum zu schaffen, der ihnen politische
 Teilhabe ermöglicht. Ein Raum, der qualifiziert und empowert, weshalb wir fortlaufend
 überdenken müssen, wie wir Empowerment in unserem Verband leben.

 3.1 FINTA*-Empowerment in unserem Verband

 Die Überwindung patriarchaler Strukturen beginnt bei echtem FINTA*-Empowerment.
 Empowerment darf sich dabei nicht darin erschöpfen, FINTA* in sichtbare Rollen zu
 bringen. Empowerment bedeutet auch, mehr Autonomie und Handlungsmacht zu ermöglichen.
 Ziel ist es, dass FINTA* ihre Interessen vertreten, Verantwortung übernehmen und
 gesellschaftliche sowie politische Räume aktiv mitgestalten können. Dabei umfasst
 Empowerment sowohl Prozesse der Selbstermächtigung als auch gezielte Unterstützung,
 dabei Macht- und Einflusslosigkeit zu überwinden.

 Damit Empowerment innerhalb unseres Verbandes gelingen kann, braucht es eine Kultur
 des Vertrauens, die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen, passende
 Qualifizierungsangebote sowie offene und zugängliche Kommunikationsstrukturen.

 Genauso müssen feministische Themen und explizit feministische Bildung Platz in
 unserer politischen Agenda finden. Feministische Diskussionen müssen fest in unserer
 politischen Arbeit verankert werden. Diese dürfen sich nicht auf einzelne Workshops
 oder speziell ausgewiesene Themen beschränken, sondern müssen als Perspektive in all
 unseren Formaten mitgedacht werden. Ein bloßes Bekenntnis zum Feminismus reicht für
 uns als Jusos BaWü nicht aus. Empowerment bedeutet für uns auch, dass alle befähigt
 werden, feministische Positionen zu vertreten, zu reflektieren und aktiv in
 politische Debatten einzubringen.

 3.2 Rassistische Narrative aufbrechen – nur wenn wir alle FINTA* mitdenken, können
 wir unserem Anspruch gerecht werden!

 Gemeinsam wollen wir den Feminismus aus intersektionaler Perspektive sehen. Dies
 bedeutet, dass wir besonders Mehrfachdiskriminierungen anerkennen und
 berücksichtigen. Wir distanzieren uns von antimuslimischen Haltungen, welche das Bild
 einer unterdrückten Frau wegen eines Kopftuchs vermitteln wollen. Genauso lehnen wir
 jene antimuslimischen Narrative ab, die Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus
 alleine bei Männern mit muslimischem Glauben anerkennen. Nicht erst seit dem
 Wiedererstarken von völkischen Erzählungen von AfD und Co. verbreiten sich Frauenhass
 und Antifeminismus unabhängig von Religion in Deutschland und der Welt. BIPoC-FINTA*
 Empowerment muss konkreter aufgegriffen werden. Wir brauchen eigene Formate, sowohl
 innerhalb der BIPoC-Vernetzung als auch innerhalb der FINTA*-Vernetzung.

 Wir streben ein Empowerment an, bei dem die eigene Marginalisierung nicht zum
 Ausschluss anderer marginalisierter Gruppen führt, sondern dass auch innerhalb von
 FINTA*-Vernetzungsstrukturen besonders FINTA* mit Migrationshintergrund, Behinderung,
 Armutsbetroffenheit oder weiteren Diskriminierungen gefördert und gehört werden
 müssen.

 Wir dürfen als feministischer Verband nicht nur über marginalisierte Gruppen
 sprechen, sondern verpflichten uns auch, in einen aktiven Austausch innerhalb des
 Verbandes zu gehen. Damit ist gemeint, dass wir uns auch dazu verpflichten, FINTA*-
 BIPoC-Personen gezielt darin zu bestärken, Präsenz zu zeigen, ohne diese
 aufzuzwingen.

 4. Feminismus in die Gesellschaft einbringen

 4.1 Sexismus früh bekämpfen

 Sexismus ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt und wird Kindern schon sehr früh
 und teilweise unbewusst beigebracht. Es braucht daher ein verpflichtendes und
 ausreichend vom Land finanziertes Angebot von Aufklärung in der Schule, das etwa
 sexuelle Bildung und geschlechtssensible Berufsorientierung umfasst. Junge FINTA*
 sollen Anlauf- und Hilfestellen im Falle von Gewalterfahrungen kennen, denn diese
 können Leben retten. Diese Angebote sollen nicht von Lehrkräften durchgeführt werden,
 sondern von externen, qualifiziertem Fachpersonal einer staatlich anerkannten Stelle.
 Dennoch ist es wichtig, Lehrkräfte für feministische Themen, Awareness und bestehende
 Geschlechterungerechtigkeiten zu sensibilisieren – daher muss dies in Fortbildungen
 thematisiert werden.

 Zudem fordern wir die Sicherstellung der Finanzierung von Gewaltpräventions- und –
 interventionskursen für Männer in jeder Kommune. Wenn solche Beratung oder Anti-
 Gewalt-Training angeordnet werden, muss mit einheitlichen Qualitätsstandards auf die
 Einsicht für Fehlverhalten hingewirkt werden.

 4.2 Sicherheit von FINTA*

 Wirksame Sicherheit bedeutet Prävention statt Law-and-Order. FINTA*-Personen müssen
 sich sicher im öffentlichen Raum bewegen können. Dies muss bei der Stadtplanung
 berücksichtigt werden. Öffentliche Wege müssen ausreichend beleuchtet sein.

 Nach dem Vorbild von München sollen Verkehrsunternehmen verpflichtet werden, dass bei
 Dunkelheit Busse auch zwischen Haltestellen gestoppt werden können, damit der Heimweg
 für FINTA*-Personen möglichst kurz ist[6].

 Frauentaxis müssen auch über die Grenze von Kommunen hinaus einsetzbar sein, etwa
 durch Kooperationen über Stadtgrenzen hinweg. Wir fordern die Abschaffung des
 Gutscheinsystems, mit denen Frauentaxis in vielen Kommunen übernommen werden, da
 diese eine zusätzliche Hürde darstellen und die Nutzung von Frauentaxis erschweren.

 Dennoch müssen wir der Wahrheit ins Gesicht blicken und konstatieren, dass
 Belästigungen und sexuelle Übergriffe noch viel zu häufig passieren. Dafür braucht es
 eine niedrigschwellige Möglichkeit, Hilfe zu holen. Wir fordern daher die
 flächendeckende Umsetzung der SafeNow-App überall dort, wo Sicherheitspersonal
 anwesend ist, etwa im ÖPNV, im Fernverkehr und auf öffentlichen Veranstaltungen. Auch
 privaten Einrichtungen wie Clubs und Bars sollte das Angebot bekannter gemacht und
 empfohlen werden. Mit der App kann mit einem Klick Sicherheitspersonal alarmiert und
 der genaue Standort lokalisiert werden. Auch im Vorhinein bestimmte Kontakte können
 benachrichtigt werden.

 4.3 Repräsentation

 Schon häufig wurde nachgewiesen, dass FINTA* in Führungspositionen einen positiven
 Einfluss auf die Führungskultur haben – sei es in der freien Wirtschaft, in der
 Politik oder in der Wissenschaft.

 In letzterem Bereich sehen wir: FINTA* in Professuren sind an deutschen Universitäten
 und Hochschulen trotz gleicher oder höherer Studienabschlüsse weiterhin massiv
 unterrepräsentiert. Besonders auf den höchsten Karrierestufen wirken strukturelle
 Benachteiligungen, informelle Netzwerke und traditionelle Auswahlmechanismen fort.
 Wir fordern daher, dass FINTA*-Personen gezielt so unterstützt und gefördert werden,
 dass eine Quote von 40% an jeder Fakultät zukünftig erreicht werden kann.

 Dies sorgt dafür, dass Berufungsverfahren diverser werden, Vorbilder für junge
 Wissenschaftler*innen und Studierende sichtbar sind und die Perspektiven von FINTA*
 stärker in Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung einfließen.
 Wissenschaft lebt von Vielfalt – eine moderne Hochschule darf nicht zulassen, dass
 die Hälfte der Gesellschaft systematisch unterrepräsentiert bleibt.

 5. Zusammenfassung

 Zusammengefasst fordern wir…

 …innerhalb der Jusos Baden-Württemberg:

  •  FINTA*-Empowerment ernst zu nehmen und es nicht nur als Mittel zu Zweck der
     paritätischen Außendarstellung zu verwenden
  •  feministischen Bildungsformaten und Diskussionen in allen Formaten und bei allen
     Themen Platz einzuräumen
  •  rassistische Narrative aufzubrechen und eigene Formate für BIPoC-FINTA*-
     Empowerment zu schaffen – sowohl in der BIPoC-Vernetzung als auch der FINTA*-
     Vernetzung

 … in der gesamten Gesellschaft:

  •  ein verpflichtendes und vom Land finanziertes geschlechtssensibles Bildungs- und
     Workshopangebot in der Schule, die von externen und qualifizierten Fachkräften
     durchgeführt werden
  •  Fortbildungen für Lehrkräfte zu feministischen Themen und Awareness
  •  sichere Finanzierung von Gewaltpräventions- und -interventionskursen
     insbesondere für Männer und entsprechende Qualitätsstandards
  •  feministische Stadtplanung, die die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen in den
     Mittelpunkt stellt
  •  Verkehrsunternehmen zu einem Halt auf Wunsch zwischen zwei Bushaltestellen
     verpflichten
  •  die flächendeckende Umsetzung der SafeNow-App
  •  eine verbindliche Professorinnenquote von 40% an jeder Fakultät

 [1] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 453 vom 16. Dezember 2025 (unter:
 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_453_621.html)

 [2] Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren , Frauen und Jugend, Gender Care
 Gap – ein Indikator für die Gleichstellung (unter:
 https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-
 fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap-ein-indikator-fuer-die-gleichstellung-137294
)

 [3] Statistisches Bundesamt, Gender Pension Gap (unter:
 https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Gleichstellungsindikatoren/gender-
 pension-gap-f33.html
)

 [4] Statistisches Bundesamt, Armutsgefährdung sowie materielle und soziale Entbehrung
 bei älteren Menschen (unter:
 https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aeltere-
 Menschen/armutsgefaehrdung.html
)

 [5] Statistisches Bundesamt, FINTA in Führungspositionen (unter:
 https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-
 1/FINTA-fuehrungspositionen.html
)

 [6] In München ist dies jeweils einmal zwischen zwei Haltestellen möglich.

Begründung

Erfolgt mündlich.