Produktivität statt Prekarität – Für eine sozial gerechte, technologisch souveräne und demokratisch kontrollierte Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik

Zur Weiterleitung an die SPD-Bundestagsfraktion , Juso-Bundeskongress, SPD-
 Bundesparteitag

  Die Jusos Baden-Württemberg sprechen sich entschieden gegen die arbeitsmarkt- und
  Wirtschaftspolitische Linie von Friedrich Merz und der CDU aus. Sein Ansatz,
  wirtschaftliche Probleme durch längere Arbeitszeiten, arbeitsmarktpolitische
  Repressionen und eine ideologisch motivierte Aushöhlung des Sozialstaats zu lösen,
  ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch ökonomisch kurzsichtig.

  Während Friedrich Merz darauf setzt, die Menschen durch die Verschlechterung der
  Lebensverhältnisse von Erwerbslosen und durch mehr Arbeitsdruck zu
  höherer Erwerbsarbeit zu „motivieren“, laden CDU und Teile der Wirtschaft ihr
 eigenes
  strukturelles Versagen auf die Schultern der Beschäftigten ab. Die Verlängerung von
  Arbeitszeiten und die Entrechtung arbeitsloser Menschen ist nichts anderes als ein
  autoritärer Rückfall in vergangene Zeiten – und das in einem Land, in dem die
  Erwerbsarbeitsquote ohnehin auf historischem Höchststand liegt.

  Dabei wird das eigentliche Problem bewusst ausgeblendet:

 Die Produktivität in Deutschland stagniert seit über einem Jahrzehnt. Zahlreiche
 wirtschaftswissenschaftliche Studien – von Robert Solow (1957) bis zur OECD (2021) –
 zeigen, dass nicht die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, sondern der
 technologische Fortschritt der zentrale Treiber für nachhaltiges Wirtschaftswachstum
 ist. Auch moderne Studien, z. B. von McKinsey (2023), belegen: Der größte Hebel für
 eine gesamtgesellschaftliche Produktivitätssteigerung liegt im sinnvollen Einsatz
 Künstlicher Intelligenz (KI). Diese Studien müssen systematisch in politische
 Entscheidungsprozesse einfließen – wir fordern daher ein regelmäßiges Monitoring von
 Produktivitätsfaktoren durch eine öffentlich zugängliche „Produktivitäts-Taskforce“
 auf Bundesebene. Dabei gehen wir nicht von einem neoliberalen
 Produktivitätsverständnis aus, sondern von einem sozialistischen
 Produktivitätsverständnis. Produktivitätssteigerungen sind danach nur dann
 begrüßenswert, wenn sie der Förderung und Mehrung des Allgemeinwohls dienen, statt
 einerseits in Ausbeutung der Vielen und andererseits in Bereicherung der Wenigen
 resultieren.

  Wir fordern eine klare Abkehr vom neoliberalen Arbeitsfetischismus und eine
  konsequente Strategie zur Förderung technologischer Souveränität, sozialer
 Innovation
  und gerechter Teilhabe. Unser Gegenkonzept zielt darauf ab, nicht mehr Zeit, sondern
  mehr Wert aus Arbeit zu schaffen – durch klügere Organisation, bessere Technik, eine
  faire Beteiligung der Beschäftigten und gerechtere Verteilung der Gewinne.

  Unsere Forderungen: Maßnahmen für eine sozial gerechte und demokratisch gesteuerte
  Produktivitätsstrategie

 1. Öffentliche digitale Infrastruktur schaffen

 Wir fordern die Errichtung öffentlich finanzierter, demokratisch kontrollierter
 Rechenzentren nach dem Prinzip digitaler Daseinsvorsorge sowie öffentliche
 Algorithmen und KI-Modelle. Deutschland
 und Europa müssen digitale Souveränität zurückgewinnen und dürfen sich nicht länger
 von US-Techkonzernen abhängig machen. Dazu braucht es klare gesetzliche Regelungen
 zur Datensouveränität sowie Kooperationsmodelle zwischen öffentlicher Hand,
 Forschung
 und innovativen Unternehmen aus Europa.

  2. Digitale Transformation in der öffentlichen Hand priorisieren

 In Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und dem Gesundheitswesen bestehen immense
 Produktivitätsreserven. Repetitive und bürokratische Aufgaben sollen systematisch
 u.a. durch KI-gestützte Tools automatisiert werden – unter starker Beteiligung der
 Beschäftigten, Gewerkschaften und Personalräte. Die öffentliche Hand soll hier als
 Vorreiterin fungieren und als „Anwenderin erster Wahl“ für gemeinwohlorientierte
 Technologien dienen.

  3. Breitenwirksame KI-Weiterbildung sicherstellen

  Wir fordern ein bundesweites Weiterbildungsprogramm für Beschäftigte aller
  Branchen zur Arbeit mit KI. Diese „digitale Grundbildung“ soll kostenfrei, tariflich
  abgesichert und lebensbegleitend sein – insbesondere auch für Beschäftigte im
  Dienstleistungssektor, in Pflege und Bildung. Die Programme müssen sozial flankiert
  werden, z. B. durch Freistellungsregelungen und eine Finanzierung über einen
  Zukunftsfonds, gespeist aus Haushaltsmitteln, Digitalsteuer und Beteiligungen an
  Digitalgewinnen.

  4. Produktivitätsgewinne gesellschaftlich teilen

  Wenn KI mehr Effizienz ermöglicht, darf das nicht in Mehrarbeit münden. Stattdessen
  fordern wir: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Die historische Logik
  des technologischen Fortschritts – weniger Arbeit, mehr Leben – muss
  wiederhergestellt werden. Die Einführung einer 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich
  soll auf ihre gesamtgesellschaftliche Umsetzbarkeit hin geprüft und über
  Modellprojekte gefördert werden.

  5. Gemeinwohlorientierte Innovationen gezielt fördern

 Die staatliche Innovationsförderung muss gezielt auf Start-ups und Unternehmen
 ausgerichtet werden, die zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen – etwa
 in Bildung, Pflege, Umweltschutz oder zivilgesellschaftlicher Organisation. Dabei
 müssen klare Gemeinwohlkriterien entwickelt werden, damit Fördermittel nicht an
 profitorientierte Technologien fließen. Kooperationen mit öffentlichen
 Institutionen sollen Vorrang haben.

  6. Mitbestimmung stärken, nicht schwächen

 Die Digitalisierung und insbesondere KI darf nicht zur Entgrenzung und Kontrolle von
 Arbeit führen. Wir fordern neue
 betriebliche Mitbestimmungsrechte bei Digitalisierungsvorhaben, die systematisch
 durch Gewerkschaften und Beschäftigtenvertretungen begleitet werden. Digitale
 Technologien müssen immer dem Schutz der Würde und Selbstbestimmung der
 Beschäftigten
 dienen – nicht deren Unterwerfung.

 KI darf nicht zur Entgrenzung und Kontrolle von Arbeit führen. Wir fordern neue
 betriebliche Mitbestimmungsrechte bei Digitalisierungsvorhaben, die systematisch
 durch Gewerkschaften und Beschäftigtenvertretungen begleitet werden. Digitale
 Technologien müssen immer dem Schutz der Würde und Selbstbestimmung der
 Beschäftigten
 dienen – nicht deren Unterwerfung. Für uns ist das Ende der Dominanz von
 Großfamilienunternehmen (oder Aktien) auch von Bedeutung. Oft ist dieser Wohlstand
 geerbt, während die Arbeitskräfte vor Ort nicht mal ansatzweise was davon haben. Auch
 wurden diese Eigentümerschaften und Aktienmehrheiten durch die NS-Zeit übernommen,
 oft auf Kosten nicht nur der Arbeiter*innenklasse, sondern auch der vorherigen
 Besitzer*innen, die meist den Verbrechen der Nazis zum Opfer fielen. Bis heute wird
 daran nicht gerüttelt, und das gilt es dringend zu ändern. Wir setzen uns für ein
 Ende dieser Erbschaft von Unternehmen ein, um den Weg freizumachen für eine
 Mitbestimmung ohne den Einfluss von Familien, die am Betrieb nichts arbeiten, sondern
 nur die Profite davon herausziehen.

  7. Technologiegetriebene Industriepolitik mit europäischer Perspektive

  Statt Dumpinglöhnen und Exportfixierung brauchen wir Investitionen in KI-
  Kompetenzzentren, digitale Werkbänke im Mittelstand und europäische
  Forschungsnetzwerke. Deutschland muss sich innerhalb der EU für eine gemeinsame
  Digital- und Industriepolitik einsetzen, die Innovation, Beschäftigung und
  ökologische Nachhaltigkeit gleichermaßen voranbringt – z. B. durch eine strategische
  Ergänzung zum EU-AI-Act und eine öffentlich geförderte europäische Cloud-
  Infrastruktur.

 Unser Ziel: Eine Wirtschaft der Zukunft – gerecht, demokratisch, souverän und
 sozialistisch

  Wir Jusos Baden-Württemberg stehen für ein wirtschaftspolitisches Leitbild, das
  soziale Sicherheit, technologische Intelligenz und demokratische Teilhabe
 miteinander
  verbindet. Wir sagen Nein zu einem System, das Menschen durch Repression und Druck
  zur Arbeit zwingt, während die eigentlichen wirtschaftlichen Probleme ignoriert
  werden. Und wir sagen Ja zu einer Zukunft, in der Arbeit fair, produktiv,
  selbstbestimmt und gesellschaftlich sinnvoll ist – durch den intelligenten und
  gerechten Einsatz von Technologie, im Dienst des Gemeinwohls.