Mehr Hilfe für die Jugendhilfe

Antragsteller: Jusos Heidelberg, Jusos Stuttgart

 Am 29. Juli wurden sechs Mitarbeitende einer Mutter-Kind Einrichtung in Stade
 erschossen. Hierbei tötete der Vater eines Kindes sechs Menschen, welche sich dem
 Schutz von Kindern und Müttern verschrieben hatten. Gewalt in der Kinder- und
 Jugendhilfe ist kein Einzelfall.

 Denn die Kinder- und Jugendhilfe bewegt sich stets in einem konfliktgeladenen Feld.
 Grund hierfür ist die Konstellation, in welcher sie tätig wird. Kinder- und
 Jugendhilfe greift zum Schutz des Kindes in das direkte familiäre Umfeld ein. Dies
 stellt für die Klient*innen der Jugendhilfe eine enorme Stresssituation dar, da im
 Kontext eines Hilfeprozesses von den Sorgeberechtigten eine Veränderung, sowie eine
 tiefgreifende Reflexion erwartet wird, welche nicht nur das Handeln im Kontext des
 eigenen Kindes, sondern auch im Kontext der eigenen Biografie miteinschließt. Dieser
 Prozess ist schwierig und erzeugt weitergehende Stressoren, welche über die bereits
 vorhandenen hinaus gehen.

 Aus diesem Grund sind Konstellationen, in welchen Akteure der Kinder- und Jugendhilfe
 aktiv werden, immer mit Konflikten und teils schmerzhaften Erkenntnissen verbunden.
 Hierbei wird die Hauptaufgabe des Jugendamtes, Kinder und Jugendliche zu schützen und
 die Familien zu unterstützen, nicht von allen ihren Klient*innen in gleicher Weise
 als Hilfe wahrgenommen. Dies führt zu Konflikten und im Extremfall zum Verlust des
 Aufenthaltsbestimmungsrechts, dem Verlust der Personensorge oder des Sorgerechts –
 zum Schutz des Kindes.

 Aus dieser grundsätzliche Konflikthaftigkeit heraus bedarf es besonderer
 Schutzmechanismen für die Menschen, welche sich mit dem Schutz von Kindern und
 Jugendlichen befassen, denn laut einer Studie der Hochschule Fulda erleben ein
 Drittel aller befragten in der Jugendhilfe Tätigen physische Gewalt. Mehr als die
 Hälfte erlebt psychische Gewalt. Darüber hinaus geben mehr als 80% an, dass sie
 regelmäßig am oder über ihrem Limit arbeiten. (https://www.verdi.de/oeffentliche-
 private-dienste/mein-arbeitsplatz/erziehung-und-bildung/gewalt-und-verletzendes-
 verhalten-sozialen-arbeit).

 Die Gewalt richtet sich nicht ausschließlich gegen Mitarbeitende des Jugendamtes,
 sondern auch gegen die verschiedenen Menschen, welche in Hilfesystemen arbeiten. Auch
 hier legen Studien eine Häufung von Gewalterfahrungen nahe. 90% der Befragten in der
 stationären Kinder- und Jugendhilfe geben an, dass sie bereits psychische Gewalt
 erlebt haben, sowie 64%, dass sie physische Gewalt erlebten
 (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/nach-der-tat-von-stade-
 mitarbeiter-in-der-jugendhilfe-sind-oft-ziel-von-gewalt-200983779.html).

 Die Tötung von sechs Mitarbeitenden der Jugendhilfe in Stade stellt nun den traurigen
 Höhepunkt dieses Gewalterlebens dar. Nach der Tat in Stade darf es kein „weiter so“
 geben, denn die Gewalt ist ein strukturelles Problem, dem auch strukturell begegnet
 werden muss.

 Deshalb fordern wir:

  1.  Die baulichen Gegebenheiten müssen überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Es
     braucht ein grundsätzliches Sicherheitskonzept, das für alle Einrichtungen der
     Hilfen zur Erziehung als Mindeststandard gilt, wie z.B. das Einrichten eines
     stillen Alarms. Darüber hinaus muss das Sicherheitskonzept gemeinsam mit den
     Trägern an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Hierbei nehmen wir die
     jeweiligen Landesregierungen in die Pflicht, bauliche sowie konzeptionelle
     Veränderungen herbeizuführen und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen zu
     finanzieren, um den Schutz der Mitarbeitenden zu garantieren.
  2.  Für Jugendhilfeeinrichtungen in anderen Handlungsfeldern sollen individuell
     passende Sicherheitskonzepte entwickelt werden. Die Umsetzung dieser Konzepte
     soll ebenfalls landesfinanziert werden.
  3.  Wir setzen uns für eine gesetzliche Verankerung psychosozialer Notversorgung für
     die Mitarbeitenden und Supervision innerhalb der Einrichtungen ein.
  4.  Wir fordern den Ausbau von Deeskalations- und Sicherheitstrainings.
  5.  Es bedarf dringend einer finanziell besseren Ausstattung der Träger sowie der
     jeweiligen Jugendämter. Diese leiden seit Jahren an chronischem Personalmangel
     sowie Unterfinanzierung, was dazu führt, dass bestehende Schutzkonzepte nicht
     konsequent umgesetzt werden können.
     Darüber hinaus fordern wir verpflichtende, unabhängige Untersuchungen zum
     Personal- und Finanzierungsbedarf aller Jugendämter sowie aller freien Träger
     der Hilfen zur Erziehung im Fünf-Jahres-Rhyhtmus.

 Wir Jusos stehen entschlossen an der Seite derer, die sich für den Schutz Anderer
 einsetzen!

Begründung

Erfolgt mündlich.