Bildung ohne Barrieren – Hochschulen sozial, gerecht und demokratisch gestalten!

Weiterleitung an: SPD-Landtagsfraktion

  Die Juso-Hochschulgruppen Baden-Württemberg kämpfen für eine Hochschullandschaft,
 die
  allen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder Nationalität offen steht,
  in der jede und jeder die gleichen Chancen erhält. Denn für uns gilt: Bildung darf
  kein Privileg sein! Bildung ist der Schlüssel zu einer freien und gerechten
  Gesellschaft! 

  Die aktuelle Bildungspolitik der grün-schwarzen Landesregierung praktiziert faktisch
  soziale Selektion und Diskriminierung auf verschiedensten Ebenen. Während rhetorisch
  die Internationalisierung der Hochschulen gefeiert wird, schaffen reale
  administrative und finanzielle Hürden ein System der Ausgrenzung.

  Obwohl Baden-Württemberg regelmäßig mit ihren Exzellenz-Universitäten punktet, kann
  man dies nicht von den herrschenden Arbeitsbedingungen für studentische und
  wissenschaftliche Beschäftigte behaupten. Nach wie vor werden diejenigen, die für
 den
  akademischen Alltag unabdingbar sind, nicht tariflich geschützt oder müssen durch
  befristete Verträge sich ohne Planungssicherheit von Stelle zu Stelle hangeln.

  Auch weltweit steht die Wissenschaftsfreiheit unter Beschuss. In Deutschland stellt
  der Rechtsruck eine Bedrohung für die freie und unabhängige Forschung dar. Rechte
  machen keinen Hehl daraus, unliebsame Forschungsprojekte einstampfen, studentische
  Stimmen einschränken und Wissenschaftler*innen einen Maulkorb verpassen zu wollen.
  Wir sehen in bereits in den USA wie unter dem Vorwand “DEI” (diversity equity
  inclusion) der gezielte Kahlschlag der freien Wissenschaft unternommen wird. Der
  populistische Sprachgebrauch, der insbesondere in Bezug auf feministische und
  antirassistische Forschung genutzt wird, findet vermehrt auch in deutschen Diskursen
  statt. 

  Grün-Schwarz hatte nun seit fast zwei Amtszeiten die Möglichkeit, den Weg für eine
  progressive Hochschulpolitik zu bereiten, den Wissenschaftsstandort Baden-
 Württemberg
  zu fördern und sich als Vorreiter für die Chancengleichheit der Bildung zu
  positionieren.
  Grün-schwarz ist gescheitert!

  Wir fordern daher eine grundlegende Neuausrichtung der Hochschul- und
  Wissenschaftspolitik in Baden-Württemberg, die der SPD besondere Verantwortung
  zukommen lässt! Die kommende Landtagswahl muss eine Wende einleiten!

  Für Chancengleichheit ohne Gebührenschranken

  1.   Abschaffung der Studiengebühren für internationale Studierende und das
      Zweitstudium

  Die Einführung von Studiengebühren für internationale Studierende und das
  Zweitstudium steht im fundamentalen Widerspruch zum Anspruch Baden-Württembergs als
  weltoffener Wissenschaftsstandort. 

  Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Die Zahl internationaler Studierender
  stagniert, während andere europäische Wissenschaftsstandorte deutliche Zuwächse
  verzeichnen. Vor allem in Zeiten, wo unsere globale Wettbewerbsfähigkeit enorm unter
  Druck steht, dürfen diese diskriminierenden Studiengebühren nicht soziale Mobilität
  verhindern, der Diversität an unseren Hochschulen schaden und uns im internationalen
  Wettbewerb ausbremsen.

  Die Hochschullandschaft kann nur mit einer diversen Studierendenschaft florieren und
  sollte den Austausch Studierender verschiedenster biographischer Hintergründe als
  Teil umfassender Bildung verstehen und aktiv fördern. 

  Wir bekräftigen daher weiter unsere Forderung nach einer vollständigen Abschaffung
  der Studiengebühren. Bildung ist ein universelles Recht und darf nicht von der
  sozioökonomischen Herkunft oder vom bisherigen Bildungsweg abhängig gemacht werden.
  Die Vielfalt der Studierendenschaft ist eine Bereicherung für den akademischen
  Diskurs und den Wissenstransfer und darf in keinem Fall finanzielles
  Optimierungspotential sein!

  1.   Wohnraum darf keine Bildungshürde sein

  Die Wohnraumknappheit in den baden-württembergischen Universitätsstädten hat sich zu
  einer existentiellen Krise für Studierende entwickelt, die viel zu oft den Beginn
 des
  Wunschstudiums verhindert. Viel zu oft muss das Fach unter Berücksichtigung des
  Wohnungsmarktes getroffen werden. Es zeigt mal wieder: Der freie Markt hat bei der
  Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum fundamental versagt. 

  Sowohl der Wohnraum in der Hand der Studierendenwerke als auch der auf dem freien
  Markt werden zu kaum tragbaren finanziellen Bürden für Studierende; einer Gruppe,
 die
  ohnehin überdurchschnittlich armutsgefährdet ist. Die Frage des Studienstandortes,
 wo
  das Wohnen überhaupt noch bezahlbar ist, ist längst zu einer sozialen Frage
  geworden. 

  Ein zentraler Baustein unserer hochschulpolitischen Agenda ist daher die
 signifikante
  Ausweitung der öffentlichen Investitionen in studentischen Wohnraum. Rund 32.900
  Wohnheimplätze der Studierendenwerke stehen den rund 320.000 Studierenden in Baden-
  Württemberg zur Verfügung – nur 10  % der Studierenden können in diesen
 Einrichtungen
  unterkommen. Und seit 2011 wurden nur 2.200 neue Wohnheimplätze vom Land gefördert.

  Diese Entwicklung erfordert entschieden politisches Handeln – und zwar jetzt. 

  Wir fordern daher die Ausweitung der öffentlichen Investitionen in studentischen
  Wohnraum, gekoppelt mit einem verbindlichen Landesprogramm für studentisches Wohnen,
  sodass langfristig eine Quote von mindestens 25 % der Studierenden in
 Wohnheimplätzen
  untergebracht werden kann. Ohne massive öffentliche Investitionen wird die
  Wohnraumkrise weiterhin talentierte junge Menschen aus ihren Wunschstudiengängen
  verdrängen. 

  Wenn Studienentscheidungen primär von Mietpreisen und dem Mangel von Wohnraum statt
  von Begabung und Interesse bestimmt werden, misst die Landesregierung nicht nur
 damit
  die Chance, ein tatsächlich attraktiver Wissenschaftsstandort zu bleiben, sondern
  versagt fundamental in ihrer Aufgabe zur Chancengleichheit in der Bildung. 

  1.   Chronische Unterfinanzierung der Studierendenwerke beenden

  Die Studierendenwerke spielen mit ihrer Verantwortung der wirtschaftlichen,
 sozialen,
  gesundheitlichen und kulturellen Betreuung und Förderung von Studierenden eine
  zentrale Rolle. Um jedoch ihren Pflichten als sozialer Akteur gerecht werden zu
  können, steht ihnen die chronische Unterfinanzierung durch das Land im Weg. Für die
  Errichtung einer sozialen Infrastruktur an Hochschulen fordern die Juso-
  Hochschulgruppen daher eine substantielle Aufwertung ihrer finanziellen Ausstattung:

 Wir fordern eine Erhöhung der Zuschüsse durch das Land für die Studierendenwerke –
 denn steigende Kosten durch die Inflation dürfen nicht noch weiter auf Studierende
 abgewälzt werden. Insbesondere müssen die Kosten für die BAföG-Ämter langfristig vom
 Bund getragen werden und
die Aufnahme von Krediten muss für die
 Studierendenwerke durch Bürgschaften des Landes unterstützt werden.

  Außerdem soll durch die Dynamisierung der Finanzhilfen sichergestellt werden, dass
  der anteilige Zuschuss des Landes verhältnismäßig nicht weiter zurückgeht, sondern
  dass inflationsbedingte Realwertverluste kompensiert werden.

  1.   Studentische Mobilität fördern

  Die Mobilitätswende muss endlich den studentischen Alltag erreichen, ohne dabei
  soziale Spaltungen aufgrund des Geldbeutels zu vertiefen. Mobilität ist kein
  Luxusgut, sondern ein fundamentales Teilhaberecht, das über Bildungschancen und
  gesellschaftliche Integration entscheidet. 

  Unser zentrales Ziel ist daher die unverzügliche Einführung eines landesweiten
  Studierendentickets nach dem Prinzip „1 Euro pro Tag für unbegrenzten Zugang zum
 ÖPNV
  in ganz Deutschland.“. 

  Der ÖPNV ist für viele Studierende von besonderer Bedeutung: Es braucht einen
  konsequenten Ausbau von Bus und Bahn im Land. Wo es im Nahverkehr eine erste Klasse
  gibt, wird sie kaum genutzt und gehört abgeschafft, um mehr Raum in Stoßzeiten zur
  Verfügung zu haben. Dass Städte wie Konstanz und Tübingen aktuell ÖPNV-Angebote
  zurückfahren, ist ein fatales Zeichen für die autofreie Mobilität und die
 Klimawende.

  1.   Erstakademiker*innen fördern

  Das Land und die Hochschulen müssen die Unterstützung von Erstakademiker*innen als
  wichtigen Aspekt ihres Bildungsauftrages verstehen. Nur wenn die zusätzlichen
 Hürden,
  mit denen Erstakademiker*innen konfrontiert sind, adäquat adressiert werden, kann
  reale Chancengerechtigkeit erreicht werden. 

  Das Land muss daher Initiativen, wie ArbeiterKind.de-Gruppen und deren
  Beratungsangebote, unterstützen und Haushaltsmittel hierfür verstetigen. Dafür
 sollen
  hauptamtliche Stellen bereitgestellt und entfristet werden. 

 Außerdem soll eine Beratung zu Studienbeginn allen Studienanfänger*innen ermöglicht
 werden. Dabei muss insbesondere auch darauf geachtet werden, mit entsprechenden
 Maßnahmen wie zum Beispiel der Integration in bestehende Informationskonzepte und –
 veranstaltungen für eine breite Annahme der Angebote durch die Studierenden zu
 sorgen.

 Eine weitere Möglichkeit, die genutzt werden sollte, ist die Verpflichtung zu einem
 Beratungsgespräch im jeweiligen Studienfach innerhalb der ersten vier
 Studiensemester. So muss es eine Ansprechperson für Fragen rund ums Studium und den
 im Fach vorherrschenden Gepflogenheiten geben, wodurch bei Studierenden ohne
 Vorerfahrung immaterielle Hürden abgebaut werden können.

  Gute Wissenschaft braucht gute Arbeitsbedingungen

  1.   Tarifvertrag für studentische Beschäftigte – Jetzt!

  Die prekären Beschäftigungsverhältnisse studentischer Hilfskräfte an den Hochschulen
  sind inakzeptabel. Der gesetzliche Urlaubsanspruch sowie Anspruch auf
 Lohnfortzahlung
  im Krankheitsfall und Stellenangebote für eine Laufzeit von mindestens 12 Monaten
  werden oft nicht eingehalten, Stunden müssen nachgearbeitet werden und oft muss sich
  außerhalb der Arbeitszeit mit dem Einrichten von nicht funktionierenden digitalen
  Lernplattformen rumgeschlagen werden. 

  Man sieht: Studentische Beschäftigte sind aus dem akademischen Betrieb nicht
  wegzudenken. Und dennoch sind rund 8.000 studentische Hilfskräfte in Baden-
  Württemberg tariflich nicht abgesichert. Dass HiWi-Jobs in den Augen mancher noch
 als
  bessere Seminare zu gelten schienen, die in erster Linie der Bildung der
 Studierenden
  dienen und nicht dem Gelderwerb, ist eine völlig realitätsferne Sicht auf die Dinge.

 Wir unterstützen daher nachdrücklich die Initiative TVStud für einen landesweiten
 Tarifvertrag für studentische Beschäftigte, der feste Rechte und Pflichten festlegt,
 sowie die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber,
 dem Land, regelt. Denn für gute Wissenschaft braucht es gute Arbeitsbedingungen!

 Schluss mit der Tarifflucht der Hochschulen!

  Demokratisierung, Zivilgesellschaft und Wissenschaftsfreiheit

  1.   Konsequenter Schutz der Wissenschaftsfreiheit

 Angesichts der besorgniserregenden Zunahme von Angriffen auf wissenschaftliche
 Autonomie von konservativen und rechten Kräften, positionieren wir uns
 unmissverständlich: Forschungsprojekte müssen vor Einflussnahme
 verfassungsfeindlicher Art
 geschützt sein! Die Wissenschaftsfreiheit ist ein nicht verhandelbares Grundrecht.
 Insbesondere in einer zunehmend durch Desinformation und Populismus beeinflussten
 Gesellschaft braucht es gezielte Förderung kritischer Wissenschaft durch spezifische
 Förderprogramme.

  Die Freiheit von Forschung und Lehre ist konstitutiv für eine demokratische
  Wissensgesellschaft und muss gegen autoritäre Einschränkungsversuche verteidigt
  werden.

  1.   Stärkung der studentischen Mitbestimmung

  Die demokratischen Strukturen der Hochschulen bedürfen einer fundamentalen Reform
 zur
  Gewährleistung studentischer Partizipation auf allen Ebenen. Wir fordern die
  Einführung eines politischen Mandats für Verfasste Studierendenschaften,
 paritätische
  Besetzung aller Hochschulgremien unter gleichberechtigter Einbeziehung aller
  Statusgruppen, die Etablierung studentischer Prorektorate mit vollem Stimmrecht in
  den Rektoraten sowie die Verankerung eines studentischen Vetorechts bei zentralen
  Fragen der Studienorganisation und Lehrevaluation. Die gegenwärtige Marginalisierung
  studentischer Stimmen ist mit unserem demokratischen Anspruch an Hochschulstrukturen
  unvereinbar.

  1.   Progressive Reform der akademischen Strukturen

  Das tradierte Lehrstuhlprinzip perpetuiert hierarchische Abhängigkeiten und
 behindert
  innovative Forschung und Lehre. Wir fordern eine tiefgreifende Strukturreform durch
  Überwindung des Lehrstuhlprinzips zugunsten departmentartiger Strukturen und die
  Verankerung didaktischer Kompetenzen als zentrales Kriterium bei Berufungsverfahren.
  Führungspositionen in der akademischen Verwaltung sollten nicht nur Professor*innen
  vorbehalten sein. Die positiven Erfahrungen mit der Experimentierklausel in Tübingen
  sind hier ein gutes Beispiel, das weiter aufgegriffen werden sollte.

  1.   Soziale Öffnung der Hochschulen

  Der Hochschulzugang bleibt in Baden-Württemberg stark sozial selektiv. Zur
  Realisierung tatsächlicher Bildungsgerechtigkeit fordern wir die Etablierung
  verbindlicher Diversity-Konzepte an allen Hochschulen, die spezielle Hürden von
  FINTA*, BIPoC, Menschen mit Behinderung und anderen marginalisierten Gruppen
  adressieren.

  Dabei hilft auch die Flexibilisierung der Zulassungsverfahren durch alternative
  Zugangswege sowie die systematische Förderung von Diversity in Forschung und Lehre.
  Die soziale Zusammensetzung der Studierendenschaft sollte die gesellschaftliche
  Realität widerspiegeln, nicht tradierte Privilegienstrukturen reproduzieren. Es
  braucht weitere Anstrengungen, um diese Fortschritte auch bis in die Führungsebenen
  der Hochschulen zu tragen und eine diversere Professor*innenschaft zu erreichen und
  vor allem die Karrieren von FINTA* und BIPoC in der Wissenschaft zu fördern.

  Wir leiten die Bildungswende ein!

  Wir wollen aus unseren Visionen konkrete programmatische Bausteine für eine
  progressive Transformation der baden-württembergischen Hochschullandschaft schaffen.
  Diese wollen wir im kommenden Landtagswahlkampf in das Programm der SPD tragen.

  Studierende haben lange genug gewartet – Nach Jahren unter grün-schwarzer
  Regierungsverantwortung ist eine fundamentale Neuausrichtung der Hochschulpolitik
  unabdingbar. Baden-Württemberg als Land der geistigen Ressourcen kann es sich nicht
  leisten, durch eine restriktive Bildungspolitik Potentiale zu verschenken.

  Die Zeit zum Handeln ist jetzt!