Rechtsextremen die ideologische Grundlage nehmen

Weiterleitung: Juso-Bundeskongress, SPD-Bundestagsfraktion, SPD-Bundesparteitag

  Die Versammlung möge beschließen:

  Der Kampf gegen Rechts ist schon längst kein politischer mehr. Unsere Gesellschaft
  ist einem massiven und koordinierten Angriff eines gut vernetzten und
  hocheffizienten
  rechtsextremen europaweitem Bündnis ausgesetzt. Diese sogenannte „neue Rechte“ aus
  verschiedenen rechtsextremen Akteuren, darunter zum Beispiel die AfD oder auch die
  Identitäre Bewegung, hat sich zum Ziel gesetzt, unsere freiheitlich-demokratische
  Gesellschaft durch einen gesellschaftlichen Rechtsruck zu zerstören. Dieser
  Kulturkampf wird dabei nicht nur auf politischer Ebene, sondern insbesondere auch
  auf
  gesellschaftlicher Ebene ausgetragen. Der Kampf gegen Rechts muss also nicht nur
  politisch gedacht werden, es müssen auch ganzheitlich gedachte und effiziente
  Konzepte gefunden werden, wie wir unsere Gesellschaft resilient gegen
  Rechtsextremismus machen. Dabei müssen die einzelnen Bereiche miteinander gedacht
  werden und aufeinander aufbauen.

  Wissenschaft

  Die Frage nach der Resilienz ist längst keine politische. Sie hat bereits ihren Weg
  in die Wissenschaft gefunden. Mit dem IRex (Institut für Rechtsextremismusforschung)
  in Tübingen hat sich bereits das erste eigene Institut zur Erforschung
 rechtsextremer
  Bewegungen und ihren Einfluss auf demokratische Gesellschaften etabliert. Als
  Leitbild verkörpert das IRex „Die Stärkung der Demokratie und Widerstandsfähigkeit
  (zivil-)gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen gegen rechtsextreme Ideologien
  und Praktiken mit wissenschaftlichen Mitteln“. 

  Wir fordern:

  •   Die bundesweite Etablierung weiterer Institute mit dem Fokus auf der
     Erforschung
      von Rechtsextremismus.
  •  Die ausgiebige Finanzierung von Forschung zu Rechtsextremismus durch EU, Bund
     und
     Länder.
  •   Eine stärkere Einbindung von Wissenschaft und Forschung in politische Prozesse,
      die sich gegen Rechtsextremismus stark macht
  •   Die Beschäftigung mit Wissenschaftsfreiheit und/oder Demokratiebildung soll(en)
      verbindlich in die Curricula aller Studienfächer aufgenommen werden.“

  Demokratische Werte leben und vorleben

  Resilienz fängt schon in der Schule an. Demokratie ist kein Konzept, dass man
 einfach
  so „lernen“ kann. Demokratie muss gelebt und praktiziert werden. Das gilt auch für
  Schülerinnen und Schüler. 

  Wir erleben immer mehr, dass die neue Rechte es schafft, über Social Media den
  Rechtsruck auch in die Kinderzimmer zu tragen. Um diesem entgegenzuwirken, braucht
  es
  Konzepte, nach denen Lehrkräfte und SuS schon in der Schule einen wertebasierten,
  auf
  Gleichberechtigung und demokratischer Konfliktkultur basierten Unterricht
  praktizieren. Demokratische statt autoritäre Unterrichtsgestaltung –
  verständnisvolles Miteinander statt Konkurrenzdruck – gewaltfreie Konfliktlösung,
  statt Strafkultur. Nur so könne SuS lernen, mit den Herausforderungen des
  Heranwachsens umzugehen, ohne dabei anfällig für rechte Propaganda zu werden. Dazu
  braucht es eine grundlegende Reform, das eine Demokratisierung des Bildungssystems
  mit sich bringt.  

  Wir fordern:

  •   Die Evaluierung und Umsetzung demokratieorientierter Bildungskonzepte in
      Zusammenschluss mit entsprechenden Trägern, wie zum Beispiel der Landeszentrale
      für politische Bildung
  •   Eine Verbindliche Verankerung von Demokratiebildung fächerübergreifend in
      Schuldkultur und -Alltag.

  Demokratie jenseits des Marktes wertebasiert Denken

  Das Konzept der gelebten Demokratie gilt dabei nicht nur für Schulen, sondern muss
  gesamtgesellschaftlich gedacht werden. Demokratie war historisch immer am
  anfälligsten während wirtschaftlichen Krisen. Als Hintergrund kann die im
  politischen
  Diskurs etablierte Verknüpfung der Demokratie mit marktwirtschaftlichem Liberalismus
  und wirtschaftlichem Erfolg gesehen. Insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges
  wurde vor dem Hintergrund des „Kampf der Systeme“ Kapitalismus mit Demokratie
  gleichgesetzt. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Legitimation der
  Demokratie
  als „das Beste der Systeme“ immer dann von Rechts angreifbar wird, wenn es
  wirtschaftlich gerade nicht so gut läuft. Demokratie muss also mit Werten in
  Verbindung gebracht werden, die keinen marktwirtschaftlichen Schwankungen ausgesetzt
  sind, sondern universell sind. 

  Um eine demokratische Gesellschaft resilient gegen Rechtsextremismus zu machen, ist
  es unserer Meinung nach daher elementar, dass Demokratie als System der
  Chancengleichheit, sozialen Gerechtigkeit und Solidarität verstanden werden.
  Demokratie heißt also auch immer Kapitalismuskritik. 

  Wir fordern: 

  •   dass sich die SPD zu dieser Systemkritik bekennt und sie in den politischen
      Diskurs trägt.

  Toxische Männlichkeitsbilder hinterfragen

  Rechtsextremismus ist eine zutiefst patriarchal geprägte Ideologie. Wir erleben
  zunehmend, dass rechte, toxisch männliche Social Media “Stars” wie Andrew Tate oder
  Maximilian Krah, junge Männer mit “männlichen Überlegenheitsnarrativen” und mit
  “männlichen Stärkenarrativen” ködern. Die Anfälligkeit junger Menschen für solche
  Narrative kann nur durch eine Reflexion patriarchale Rollenbilder und toxischer
  Männlichkeit überwunden werden. Der Kampf gegen Rechts ist also auch ein Kampf des
  Feminismus. Feminismus ist dabei nicht nur eine Frage von Geschlecht, sondern eine
  grundlegende Kritik an einem System, das Menschen entlang von Gender, Sexualität,
  Behinderung, Herkunft und Klasse ungleich behandelt. Rechte Ideologien hingegen
  propagieren ein rückwärtsgewandtes, „traditionelles“ Geschlechterbild, das
 Diversität
  ausgrenzt und Menschenrechte selektiv behandelt.“

  Wir fordern:

  •   Eine umgehende Aufarbeitung toxisch-männlicher Social Media-Akteure und die
      Delegitimierung ihrer Narrative
  •   Dass queerfeministische Perspektiven die Grundlage jeder Strategie gegen die
      Neue Rechte sein muss

  Social Media

  Social Media muss inzwischen als die Bühne des Angriffes der neuen Rechten auf
  unsere
  freiheitlich-demokratische Grundordnung gesehen werden. Leider müssen wir
  feststellen, dass rechtsextreme Akteure zunehmend erfolgreicher werden, Diskurse auf
  Social Media zu gewinnen. Damit stärkt die Arbeit der neuen Rechten auf Social Media
  auch die Positionen rechtsextremer Parteien, wie der AfD. An dieser Stelle besteht
  dringend Handlungsbedarf. Wir dürfen politische Diskurse auf Social Media nicht den
  Rechten überlassen!
  Wir fordern:
  •   Die Etablierung einer Social-Media-Arbeitsgruppe innerhalb der SPD, die
      rechtsextreme Narrative und Fake News auf Social Media auf Basis von gezielten
      Content-Analysen und unter Einbezug der Wissenschaft effektiv und schnell
      kontern kann. Insbesondere bei der Verwendung von Bots, bei breit angelegten
      Desinformationskampagnen von Rechts muss hierbei umfassend und über so viele
      Wege wie möglich reagiert werden.
  •   Gleichzeitig muss es auf europäischer Ebene endlich zu einer vernünftigen
      Regulierung der großen Social-Media-Plattformen kommen. Dazu gehört eine
      vernünftige Gesetzgebung über die Offenlegung von Algorithmen, aufbauend auf
     den
      2024 in Kraft getretenen Digital Service Act (DSA) und den AI-Act. Dieser
      Schritt ist mit Blick auf aktuelle Entwicklungen und die Macht der Eigentümer
      über einzelne Netzwerke längst überfällig.

  Die Verantwortung der SPD

  Der moderne Rechtsextremismus ist kein politisches Phänomen, er ist ein
  koordinierter
  und strukturell vernetzter Angriff auf unsere Gesellschaft und in seiner Ganzheit
  auf
  die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Er schafft es, den politischen Diskurs
  maßgeblich zu bestimmen und die demokratischen Parteien mit seinem Agenda-Setting
 vor
  sich herzutreiben.

  Wir fordern die Parteiführung der SPD auf, endlich aus der Defensive zu kommen und
  offensiv gegen das Erstarken des Rechtsextremismus vorzugehen. Dazu gehört
  insbesondere ein Gegenkonzept gegen die Angst- und Panikmache der neuen Rechten zu
  entwerfen, statt auf deren Narrative einzugehen und darauf zu reagieren. Die SPD
  muss
  mutig sein und den Anspruch an sich selbst hegen, den politischen Diskurs in
  Deutschland maßgeblich zu bestimmen und ihn nicht den Rechten zu überlassen. Die SPD
  muss die Gesellschaft prägen, statt den strategisch gesetzten Angstnarrativen der
  neuen Rechten hinterherzulaufen.

  Dazu braucht es ein umfassendes Grundsatzprogramm, das auch die Resilienz unserer
  Gesellschaft in den Blick nimmt. Wir fordern, dass die SPD den Kampf gegen Rechts
  ganzheitlich denkt und Konzepte entwickelt, die auf allen in diesem Antrag genannten
  gesellschaftlichen Ebenen unter Einbezug aller verfügbarer Ressourcen aus
  Wissenschaft und Forschung dem Rechtsextremismus die ideologische Grundlage nimmt.

  Wir fordern die SPD auf, rechte Narrative zu entlarven, statt sie zu legitimieren.
  Wir fordern ein umfassendes linkes Gegenkonzept, statt Rechtsruck.

Begründung

erfolgt mündlich